IT-Sicherheit
Wie schützen wir uns vor Cyberangriffen?
Symbolfoto Cybersicherheit Colourbox*
„Wir stellen uns immer vor, ein Hacker ist jemand mit einer Skimaske, der vor seinem Rechner sitzt und über das Internet irgendwelche anderen Systeme angreift“, sagt Prof. Tibor Jager, Leiter des Lehrstuhls IT Security and Cryptography der Fakultät Elektrotechnik, Informationstechnik und Medientechnik an der Bergischen Universität. Doch ganz so einfach sei das nicht, denn in erster Linie handele es sich immer um Programmierende, die auch in guter Absicht kreativ mit Technik umgehen könnten.
„In der Regel nutzen böswillige Hacker irgendwelche Sicherheitslücken aus, die sie entweder selber entdeckt oder auf dem Schwarzmarkt gekauft haben“, sagt Jager. „Es gibt aber auch bei den Nachrichtendiensten solche Leute, die sich Sicherheitslücken einkaufen“, fährt er fort. Es sei immer schwer vorherzusehen, woher böswillige Angriffe kämen, das könne man den Daten nicht ansehen. Aber anhand der Uhrzeiten oder der genutzten Tools seien mit detektivischer Arbeit Verursachende oft zu erkennen. „Das können Einzeltäter oder auch staatlich organisierte Gruppen sein.“
Social Engineering – Der Mensch als Ausgangspunkt für Cyberkriminalität
Jager fasst den Begriff des Hackers weiter und nennt dafür ein Beispiel: „Wenn man sich mit einer bis dato unbekannten Person zu einem Interview treffen möchte und eine andere Person das erfährt, könnte sie theoretisch 15 Minuten früher kommen, sich als die eigentliche Person ausgeben und als erstes den Interviewpartner nach dem vielleicht geheimen Forschungsprojekt fragen. Das nennt man Social Engineering.“ Damit nicht genug, gibt es überdies auch Hacker, die zum Beispiel Smartcards oder auch Schlüssel angreifen, mit denen man anderer Leute Büro aufschließen könne.
Prof. Malte Mues, Juniorprofessor für Reliable Software and Distributed Systems an der Bergischen Universität, bestätigt, dass diese Hackerform des Social Engineering immer stärker in den Fokus von Unternehmen rücke, denn der Mensch sei immer noch das schwächste Glied im System. Häufiger geänderte Passwörter und das Erkennen von Phishing-Mails seien erste Schritte, dagegen anzugehen.
„In der Forschung fokussieren wir uns mehr auf technische Verfahren, die Systeme gegen Angriffe absichern, bei denen Leute versuchen, etwas technisch zu verändern“, so Mues. Oft handele es sich dabei um noch immer laufende alte Systeme oder vergessene Rechner, etwa in einer Produktionshalle, die mit einer veralteten Windows-Version am Netz hingen, und von Hackern ausfindig gemacht würden. „So finden Hacker ihre Ziele. Dabei gibt es immer auch Leute, die aus Langeweile suchen, denn es sind nicht nur organisierte staatliche Akteure, sondern ganz oft auch Menschen, die einfach Dinge ausprobieren“, erklärt Mues.
Umgehen von Sicherheitsbarrieren
„Programmierfehler sind die häufigsten Ursachen, warum ein Hacker ins Programm findet, und die Möglichkeiten sind unheimlich facettenreich“, sagt Jager. Schutzmechanismen wie Passwörter oder digitale Signaturen, hinter denen sofort nach Eingabe ein Programmcode prüft, ob alles in Ordnung ist, seien Logiken, die aber auch Programmierfehler beinhalten könnten, die einem Hacker als Entree ins Programm dienten. Dann sei es nur eine Frage der Zeit und der Einsatz entsprechender Software, um sich im fremden Computer umzusehen.
„Die Passwörter waren lange Zeit ein beliebter Trend, der heute gar nicht mehr so beliebt ist, weil man in der Regel ein starkes Passwort hat und dies auch in allen anderen Bereichen benutzt“, sagt Mues und ergänzt: „Spotify hat durch das Hacken von Useraccounts vor ein paar Jahren viele Nutzeraccounts verloren, die alle wieder im Darknet auftauchten. Und wenn ich diese Accounts durchsuche, bekomme ich auch das Passwort raus, was damals benutzt wurde, kann mich auf anderen Stellen einloggen und Schaden anrichten. Es gibt eine Liste von häufigen Passwörtern, die ist einsehbar und öffentlich. Super beliebt in diesen Listen ist das Passwort: 1-2-3, ein Schutz ist da nicht gegeben.“
Wer prüfen möchte, ob die eigene E-Mail bereits gehackt wurde, kann das tun. „Es gibt eine Seite, die heißt: haveibeenpwned.com. Da kann ich meine Emailadresse eingeben und dann sehen, ob Login-Daten von mir in solchen Leaks enthalten sind und wann und auf welcher Liste meine Passwörter bereits aufgetaucht sind“, sagt Mues.
Eine andere Möglichkeit sei das sogenannte Voice Cloning, ein Computerprogramm zum Nachahmen von Stimmen, das Künstliche Intelligenz nutzt, um eine menschliche Stimme anhand von Hörproben täuschend echt zu kopieren. Dazu Jager: „Es hat schon Beispiele gegeben, bei denen Tankstellen ausgeraubt wurden, weil sich ein Hacker per Telefon bei neuen Mitarbeitern als Chef ausgegeben hat und sich die Codes der Apple-Karten hat durchgeben lassen.“
Der gute und der schlechte Hacker und die schwierige Gesetzeslage
Nicht jeder Hacker ist kriminell. Man unterscheidet in der Branche zwischen Black-Hat-Hacker, White-Hat-Hacker und Grey-Hat-Hacker. Mues erklärt es: „Black-Hat-Hacker sind Leute, die eine böse Absicht haben und Unternehmen angreifen, weil sie es auseinandernehmen wollen.“ Nun gäbe es aber auch Leute, die versuchen das Unternehmen zu schützen und die Verteidigungsstruktur prüften. Das seien oft Menschen, die sich im Social Engineering auskennen und die ihr Wissen zum Wohle des Unternehmens einsetzten. Sie nenne man White-Hat-Hacker.
„Wir haben sogar ein White-Hat-Hackerteam hier am Lehrstuhl“, sagt Jager, „das sind Studierende, die sich gerne kreativ mit Technik auseinandersetzen. Die versuchen zu verstehen, wie Hackerangriffe funktionieren, um zu lernen. Das ist ein freiwilliges Hobbyprojekt, bei dem wir auch die Hackerethik beachten.“ Bedeutet, dass keine fremden Systeme ohne Konsens angegriffen werden, sondern nur angeschaut wird, was vereinbart ist.
„Grey-Hat-Hacker“, fährt Malte Mues fort, „sind dann alle Hacker dazwischen.“ Und dieser Grad dazwischen sei recht schmal, da die Gesetzeslage in Deutschland suboptimal sei. Das bestätigt auch sein Kollege Tibor Jager und erklärt: „Wirklich unglücklich in Deutschland ist, dass es zum Beispiel den sogenannten Hackerparagraphen §202c StGB gibt. Da steht, dass nicht unterschieden wird zwischen denen, die Sicherheitslücken entdecken und gutmütig melden, und jenen, die sie entdecken und böswillig nutzen.“
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No backup, no mercy
Sichere Systeme baue man heute anders als früher, erklärt Jager anhand des Beispiels eines Kartenhauses: „Wenn ich mir vorstelle, dass die ganze Netzwerkstruktur der Universität wie ein Kartenhaus aussieht, gehe ich heute so vor, dass ich mit möglichst vielen Karten und möglichst stabil arbeite, sodass ich auch an der einen oder anderen Stelle Karten entfernen kann, ohne dass das Haus zusammenbricht.“
Früher habe man das Kartenhaus mit so wenigen Karten wie möglich gebaut, einen großen Zaun drum herum erstellt und gehofft, dass den niemand überwinden könne. Wenn doch, führte das dazu, dass schon das Entfernen einer einzigen Karte das Haus zum Einsturz brachte. Sicherheit ist also die erste Devise und es gibt immer wieder Beispiele, wie man es nicht machen sollte.
In Rumänien hat vor Kurzem ein Hacker den kompletten Immobilienmarkt lahmgelegt. Er drang in das Netz der Katasterbehörde ein und versuchte nachher, das Amt mit den erbeuteten Daten zu erpressen. Als das nicht gelang, löschte er die komplette Grundbuchdatenbank des Landes. Jager ist da mitleidslos und sagt als Fachmann mit einem Augenzwinkern: „No backup, no mercy!" und fährt dann fort: „Man muss sich überlegen, da gab es eine wichtige Datenbank. Mit der Möglichkeit, dass irgendwann irgendwer darankommt und angreift, muss man heute einfach rechnen. Ein so großes System komplett abzusichern ist sicherlich hoffnungslos.“ Aber man müsse natürlich fragen, warum es da keine Sicherungskopie gab, und warum diese Sicherheitskopie nicht irgendwo hinterlegt wurde, sodass der Hacker nicht drankommt.
Es gebe auch die Möglichkeit, Daten geschickt so aufzuteilen, dass ein Teil davon den Angreifern in die Hände fallen kann, ohne dass diese damit etwas anfangen könnten. Die Technik dafür sei mittlerweile vorhanden. „Unser Start-up utilacy, das aus meinem Lehrstuhl heraus entstanden ist, hat eine Technik dafür entwickelt, wie man Daten in drei, vier, fünf verschiedene Systeme aufteilen kann“, sagt Jager. „Zusammen mit den üblichen Sicherheitsmaßnahmen ist das der stärkste Schutz, den man derzeit technisch erreichen kann. Und es geht auch relativ einfach."
Ein zentralisiertes System für 80 Millionen Menschen?
Hackerangriffe wird es immer geben, doch es gibt auch Ideen, wie man den Schutz besser gewährleisten kann. Mues denkt da zum Beispiel an Verwaltungsstrukturen. „Ich glaube, dass Verwaltung in Deutschland auch sehr viel dezentral organisiert wird. Wir fangen erst an, alles zu zentralisieren.“ Im Moment sei es so, dass jeder Kreis und jede kleine Kommune lange lahmgelegt seien, wenn sie angegriffen würden.
„Wenn ich das jetzt alles zentralisiere und in eine Datenstruktur packe, die in einer Datenbank liegt, dann gibt es schließlich ein einheitliches System für 80 Millionen Menschen, mit dem ich auch wirklich etwas bewirken kann. Ich schaffe nicht für 100 Landkreise eigene IT-Center, mit denen ich mich auseinandersetzen muss, sondern ich konsolidiere die in eine große Infrastruktur“, so Mues.
Dann habe man ein oder zwei attraktive Ziele, die sicher auch viele Angriffe abkriegen würden. So zeige der sogenannte Telecom Security Monitor, abrufbar unter sicherheitstacho.eu, im Schnitt zwei Millionen detektierte Angriffe pro Stunde. Da es sowieso einen „Grundtraffic“ von Angriffen gebe, resümiert Mues, sei es sinnvoller, die Aufmerksamkeit auf ein großes, attraktives Ziel zu lenken, das man verteidigen könne.
KI macht sich selbständig
Nun gibt es aber auch Hackerangriffe, die direkt durch die Künstliche Intelligenz (KI) passieren. Der US-Konzern OpenAI hat die Verantwortung für einen Hackerangriff auf die KI-Plattform Hugging Face im Juli 2026 übernommen. Dieser außergewöhnliche Vorfall zeigt das Risiko potenzieller Cyberattacken durch KI. Beim Testlauf neuer KI-Modelle von OpenAI drang die Software eigenständig in Computersysteme einer anderen KI-Firma ein. Die KI hat dabei sozusagen den geschützten Raum eigenständig verlassen.
Den Hype um diese Meldung kann Jager nicht nachvollziehen: „KI ist ziemlich gut darin, Muster in komplexen Daten zu erkennen, also auch Sicherheitslücken in komplexen Daten zu erkennen“, erklärt der Fachmann. „Je leistungsfähiger die KI wird, desto besser wird sie. Dass KI so gut darin ist, Sicherheitslücken zu finden, ist auch ein großer Vorteil, denn jetzt kann jeder anfangen, Sicherheitslücken in den eigenen Systemen zu finden und sie abzusichern.“ Das entlaste auch bisherige Arbeitsbereiche, in denen sich Menschen damit intensiv beschäftigen mussten. „Es gibt Fachleute“, so Jager, „die sagen, durch KI werden unsere Systeme sicherer werden, weil wir uns nicht mehr nur auf einige wenige Spezialisten stützen müssen.“
Mehr in ein unabhängiges Europa investieren
Das Problem sei aber, dass die meisten Anbieter, wie zum Beispiel OpenAI, meist amerikanische oder chinesische Konzerne seien, und es fehle das europäische Äquivalent. Jager fragt daher: „Warum stecken wir nicht da mehr Ressourcen hinein? Auch in den Bereich IT-Sicherheitsforschung! Im Augenblick sind wir, was solche KI-Methoden angeht, sehr stark von anderen abhängig.“ Die Technologie an sich sei jedenfalls ein Vorteil.
Zwar rede man ständig davon, dass es souveräne Lösungen für ein digitales Europa geben müsse, sagt Mues, aber die gesamten Chip-Labs, also Halbleiter-Designlabore, säßen woanders. „Wir kaufen Hardware und Software im Ausland.“
Im Cyberraum können viele Dinge digitalisiert werden. Beide Wissenschaftler wissen um die Chancen und Möglichkeiten der sinnvollen Nutzung der Digitalisierung und sagen: „Wenn wir die Techniken, die da sind, nicht nutzen, werden wir immer öfter von Hackerangriffen lesen, die Unternehmen über längere Zeit arbeitsunfähig machen.“
Transfergeschichte
Dieser Beitrag wird von der Universitätskommunikation der Bergischen Universität zusätzlich veröffentlicht. Die „Bergischen Transfergeschichten“ zeigen an vielen Beispielen, wie Forschende mit ihren Ergebnissen Gesellschaft, Wirtschaft, Region und Alltag aktiv mitgestalten.
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