Antifeministische Erzählungen in der Literatur
Dr. Susana Pinilla Alba / Romanistik
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Frauenfeindliches Gedankengut kann zu Gewalt im realen Leben führen

Die Romanistin Dr. Susana Pinilla Alba organisiert eine Tagung an der Bergischen Universität, die sich mit antifeministischen Erzählungen in der Literatur auseinandersetzt

„Antifeministische Narrative sind kein neues Phänomen. Tatsächlich begleiten sie unsere Gesellschaft schon sehr lange. Sie sind tief in patriarchalen Strukturen verankert und existieren seit deren Entstehung“, sagt die Romanistin Susana Pinilla Alba. Zusammen mit ihrer Kollegin PD Dr. Mirjam Leuzinger organisiert sie an der Bergischen Universität eine internationale Konferenz mit dem Titel ´Conflicting Narratives`, zu Deutsch ´Narrative im Widerstreit`. Es geht um Reaktionen, Strategien und Visionen gegen Sexismus und Antifeminismus.
In den letzten Jahren haben sexistische und antifeministische Erzählungen weltweit sowohl im digitalen als auch im öffentlichen Raum zunehmend an Sichtbarkeit gewonnen. „Das hängt meiner Ansicht nach vor allem mit der Stärke der vierten Welle des Feminismus zusammen (Von der vierten Welle des Feminismus spricht man ab ca. 2010. Sie ist stark digital geprägt und prangert strukturellen Sexismus, Vergewaltigungskultur und Belästigung an, Anm. d. Red.)“, erklärt Pinilla Alba. „Durch digitale Medien verbreiten sich Informationen, Diskurse und Mobilisierungen heute wesentlich schneller und über nationale Grenzen hinweg. Das gilt jedoch nicht nur für feministische Positionen, sondern ebenso für antifeministische Narrative. Beide Seiten profitieren von den Möglichkeiten digitaler Kommunikation. Jede Phase, in der feministische Bewegungen an gesellschaftlichem Einfluss gewinnen, ruft auch Gegenreaktionen hervor.“

Neue Formen von Gewalt im Zeitalter der Postfaktualität

Das Thema sei heute besonders relevant, betont die Romanistin, weil zu den analogen Formen der Gewalt, neue Formen digitaler Gewalt hinzugekommen seien. „Sie schaffen neue Möglichkeiten, die Freiheit von Frauen einzuschränken und geschlechtsspezifische Gewalt auszuüben. Formen sozialer Kontrolle wie permanente Überwachung oder die Kontrolle des Körpers sind heute durch soziale Netzwerke leichter durchzusetzen, da die Frauen mit verfälschten Bildern und unerreichbaren Erwartungen bombardiert werden.“ Hinzu komme, dass wir im Zeitalter der Postwahrheit oder Postfaktualität lebten, in dem in vielen Kontexten zahlreiche Meinungen als gleichermaßen legitim gelten. „Dies führt dazu, dass Fake News sowie Personen ohne tatsächliche fachliche oder gesellschaftliche Glaubwürdigkeit, zu Gurus oder einflussreichen Persönlichkeiten werden und ihre Aussagen kaum noch hinterfragt werden.“

Gewalt gegen Frauen in digitalen Medien nimmt zu
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Frauenfeindliche Positionen sind in Mannosphäre normal

Auf der Tagung geht es auch darum, dass frauenfeindliche und anti-egalitäre Positionen mittlerweile in Online-Foren normal sind. Die Normalisierung von Sexismus in digitalen Foren hänge dabei mit verschiedenen Faktoren zusammen. „Mit der sogenannten Mannosphäre bezeichnen wir jene virtuellen Räume, in denen misogynes (frauenfeindliches) Gedankengut entwickelt, bestätigt und verbreitet wird und dass in einigen Fällen auch zu Gewalt im realen Leben beitragen kann“, erklärt Pinilla Alba. Diese Räume ermöglichen Anonymität und sind für bestimmte Männer daher besonders attraktiv jenseits jeglicher Tabuzone.

„Manche Männer verhalten sich dort auf eine Weise, die sie in ihrem beruflichen oder sozialen Umfeld niemals zeigen würden. Gleichzeitig bieten diese Gemeinschaften die Möglichkeit, eine kollektive Identität aufzubauen, die auf der Abwertung von Frauen beruht. Insbesondere Männer, die sich in ihren Beziehungen oder ihrer sozialen Rolle als erfolglos oder zurückgewiesen erleben, finden dort Anerkennung, gegenseitige Bestätigung und Gemeinschaft.“

Hinzu komme, dass in Teilen der Mannosphäre, antifeministische Narrative mit autoritären und rechtsextremen Ideologien verknüpft seien. Häufig werde eine idealisierte Vergangenheit beschworen, in der Frauen auf eine dienende und untergeordnete Rolle reduziert würden. Diese Erzählungen verbinden sich mit dem Versprechen, eine vermeintlich ´natürliche` Geschlechterordnung wiederherzustellen. „Antifeministische Narrative richten sich jedoch nicht ausschließlich an Männer“, gibt Pinilla Alba zu bedenken, „sie betreffen auch Frauen und verbreiten sich in dem, was teilweise als Womansphere bezeichnet wird. Dort werden traditionelle Geschlechterrollen propagiert, die Frauen wieder auf eine untergeordnete und häusliche Rolle festlegen sollen. Ein bekanntes Beispiel sind die sogenannten Trad Wives. Dabei handelt es sich um Influencerinnen, die ein idealisiertes Bild des traditionellen Hausfrauen- und Ehefrauenlebens vermitteln. Sie stellen die ausschließliche Konzentration auf unbezahlte Haus- und Pflegearbeit sowie die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehemann als erstrebenswertes Lebensmodell dar.“

Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist immer noch unzureichend gelöst

Traditionelle Geschlechterrollen üben auf Frauen wieder eine Anziehungskraft aus. Pinilla Alba hat dafür eine These: „Viele Frauen erleben heute eine enorme Doppelbelastung durch Erwerbstätigkeit und unbezahlte Pflege- und Hausarbeit, und sie haben das Gefühl, sich entscheiden zu müssen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele nach wie vor unzureichend gelöst. Arbeitsstrukturen orientieren sich häufig an einem Ideal kontinuierlicher Verfügbarkeit und berücksichtigen die Lebensrealitäten vieler Frauen – etwa Schwangerschaft, Stillzeit oder den weiterhin ungleich verteilten Anteil an Care-Arbeit – nur unzureichend. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass manche Frauen traditionelle Rollenmodelle wieder als attraktiv wahrnehmen.“ Angesichts von chronischer Erschöpfung, Burnout oder psychischen Belastungen könne die Vorstellung eines vermeintlich einfacheren und sichereren Lebensmodells – wie es häufig in den sozialen Medien idealisiert wird – anziehend wirken. Das bedeute allerdings nicht, dass dieses Modell tatsächlich mehr Freiheit oder Gleichberechtigung böte; vielmehr erscheine es manchen als Antwort auf die Überforderung, die viele Frauen heute erleben. Zudem gebe es auch Frauen, die ihre persönliche Situation als zufriedenstellend erlebten und deshalb keinen unmittelbaren Anlass sähen, sich für gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen. „Indem sie sich aktiv für dieses Lebensmodell einsetzen, können sie ihre Entscheidung vor sich selbst und ihrer Gemeinschaft rechtfertigen. Dabei wird häufig ein Gefühl von vermeintlichem Empowerment erzeugt: die Überzeugung, diesen Lebensweg selbstbestimmt gewählt zu haben.“

Feministische Ideen zeigen gesellschaftliche Wirkung

In der Literatur gibt es viele Werke, die den Grundstein für weibliches Aufbegehren legten. Im 20. Jahrhundert waren das u.a. Schriftstellerinnen wie Virginia Woolf, die 1929 in dem Essay Ein eigenes Zimmer dafür plädierte, dass Frauen finanzielle Unabhängigkeit und Raum zum Schreiben brauchen, um sich vom Diktat der Männer zu befreien, oder Simone de Beauvoir, deren Werk Das andere Geschlecht von 1949 bis heute als die theoretische Bibel des modernen Feminismus gilt. Doch die Gegenwart stellt diese Errungenschaften scheinbar wieder in Frage. Darauf Pinilla Alba: „Eigentlich haben die genannten Werke schon zu ihrer Entstehungszeit erhebliche Gegenreaktionen ausgelöst – und das hat sich bis heute nicht geändert. Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen sind historisch fast immer von antifeministischen Gegenbewegungen begleitet worden. In gewisser Weise zeigt eine solche Reaktion sogar, dass feministische Ideen gesellschaftliche Wirkung entfalten. Gäbe es keinerlei Widerstand, müsste man davon ausgehen, dass bestehende Machtverhältnisse gar nicht infrage gestellt werden. Feminismus war immer unbequem und nicht willkommen.“ Daher würden feministische Autorinnen und Denkerinnen zu allen Zeiten angezweifelt oder delegitimiert.

Die Literatur habe zwar einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation von Frauen geleistet, gleichzeitig sei ein großer Teil unseres literarischen Kanons von patriarchalen und misogynen Vorstellungen geprägt. „Dasselbe gilt für die Gesellschaft insgesamt“, konstatiert Pinilla Alba und sagt: „Emanzipatorische und antifeministische Narrative existieren nebeneinander und stehen in einem fortwährenden Spannungsverhältnis.“

Plakat zur Veranstaltung

Wissenschaftliche Autorität hat sich verändert

Der Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Kräfte in Europa sei eng verbunden mit den Möglichkeiten digitaler Medien, stellt die Wissenschaftlerin fest. Soziale Plattformen begünstigten dabei die Verbreitung vereinfachender Narrative von Desinformation und einer postfaktischen Kommunikationskultur. „In einem solchen Umfeld verlieren wissenschaftliche Evidenz und rationale Argumente häufig an Überzeugungskraft, weil Fakten zunehmend als bloße Meinungen behandelt werden“, bedauert Pinilla Alba. „Wissenschaft hat nicht mehr so viel Bedeutung wie früher. Wissenschaft muss immer gegen Meinungen kämpfen und hat nicht mehr die Autorität wie früher. Meinungen müssen heute nicht mehr bewiesen werden.“

Feministischer Rap mit sozialkritischen Inhalten appelliert an Gesellschaft

Die Konferenz beschäftigt sich sowohl mit fiktionalen als auch faktischen Formen solcher Narrative. Pinilla Alba selbst beschäftigt sich in diesem Zusammenhang intensiv mit feministischem, spanischen Rap. „Ich muss dazu sagen, dass Rap in Deutschland anders ist, als Rap in Spanien. Wir hier in Deutschland verstehen unter Rap meist den Gangster-Rap. In Spanien haben wir eher den Conscious Rap (Conscious Rap ist eine Strömung des Hip-Hop, bei der politische und sozialkritische Inhalte im Vordergrund stehen. Die Texte setzen sich oft mit Themen wie Rassismus, sozialer Ungerechtigkeit, Polizeigewalt oder Armut auseinander und wollen ein kritisches gesellschaftliches Bewusstsein schaffen Anm. d. Red.). Das ist eine Stilrichtung, die für Wissenschaftler sehr attraktiv ist, denn gerade feministischer Rap stellt eine besonders deutliche Form der Gegennarrative dar, weil das Rap-Genre – wie auch große Teile der kommerziellen Kultur und Literatur – stark von sexistischen Strukturen geprägt ist. Die Existenz feministischer Rapperinnen zeigt, dass Frauen die patriarchalen Mechanismen eines Genres von innen heraus hinterfragen und verändern können.“ Die Romanistin kam als interessierte Hörerin von Rap-Musik zu ihrem wissenschaftlichen Thema, weil sie feststellte, dass sie kaum Rap-Musikerinnen kannte. „Als ich daraus mein Forschungsgebiet machte, hatte ich das Glück, die Arbeiten feministischer Rapperinnen aus Spanien und Lateinamerika kennenzulernen. Dadurch konnte ich Feminismus aus einer anderen Perspektive verstehen, also nicht nur als theoretisches Konzept, sondern auch als künstlerische Praxis, die den Alltag und die Lebensrealität vieler Menschen unmittelbar aufgreift.“ Der Feminismus dieser Rapperinnen sei sehr philosophisch und stark in der gelebten Erfahrung verankert. Er werde in den Körpern, auf den Straßen und in den alltäglichen Erfahrungen von Frauen sichtbar und mache deutlich, dass feministische Kämpfe nicht nur abstrakte Debatten sind, sondern konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit.

Gata Cattana – eine zu früh verstorbene Schlüsselfigur wirkt nach

Ein Schwerpunkt von Pinilla Albas Arbeit bietet das Werk der 2017 verstorbenen Rapperin Gata Cattana. „Sie war eine Schlüsselfigur des spanischen Rap“, erklärt die Forscherin, „sie hat nicht nur den Grundstein für eine ästhetische und literarische Erneuerung des Genres gelegt und gezeigt, dass Rap als Literatur verstanden werden kann, sondern ihrem Werk auch eine explizit feministische Perspektive verliehen. Ihre Texte bieten eine kritische Sicht auf gesellschaftliche Machtverhältnisse und eröffnen neue Möglichkeiten, die soziale Wirklichkeit zu analysieren.“ Vor ihrem Auftreten habe der Feminismus im spanischen Rap kaum eine zentrale Rolle gespielt. Heute gilt Gata Cattana weit über Spanien hinaus als wichtige Referenz für feministischen Rap und für eine Generation von Künstlerinnen, die Hip-Hop als Instrument gesellschaftlicher Kritik und feministischer Intervention verstehen.

Feminismus ist ein internationales Forschungsfeld

Die Konferenz `Conflicting Narratives` findet in Wuppertal statt und Pinilla Alba erklärt: „Feminismus ist ein internationales Forschungsfeld. Als theoretischer Ansatz, wissenschaftliche Perspektive und gesellschaftliche Praxis ist er auch in Nordrhein-Westfalen fest verankert und steht in engem Austausch mit den Erkenntnissen der Romanistik. Aus diesem Grund haben wir die Tagung bewusst zweisprachig – auf Englisch und Spanisch – konzipiert und Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen eingeladen, darunter Germanistinnen, Übersetzerinnen, Philosophinnen, Politikwissenschaftlerinnen und viele andere, denn das Thema reicht weit über die Grenzen unserer jeweiligen Fachgebiete hinaus.“ Interessant dabei ist auch die Tatsache, dass sowohl Andalusien als auch Nordrhein-Westfalen wichtige strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen. Dazu Pinilla Alba: „Beide sind historisch stark von der Arbeiterklasse geprägt mit einem hohen Anteil an Migration und kultureller Vielfalt. Gerade in solchen gesellschaftlichen Kontexten ist die feministische Perspektive besonders relevant, weil Frauen mit geringen ökonomischen Ressourcen oder Frauen, die zusätzlich von rassistischer beziehungsweise ethnischer Diskriminierung betroffen sind, ein erhöhtes Risiko haben, geschlechtsspezifische Gewalt zu erfahren.“

Wie wichtig die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sexismus und Antifeminismus nach wie vor ist, schildert Pinilla Alba abschließend noch einmal deutlich. „Es hat sich noch nicht so viel geändert. Frauen haben die gleichen Herausforderungen wie früher, die Agenda des Feminismus ist immer noch da, also Prostitution, sexuelle Gewalt in verschiedenen Formen, auch die Rechte der Frauen sind immer noch in Frage gestellt. Wir haben heutzutage vielleicht den Eindruck, dass die Kultur neue Formen des Ausdrucks ermöglicht, vielleicht auch offensiver als früher, aber eigentlich sind die Probleme immer noch die Gleichen. Die Zensur für Frauen ist immer noch da. Viele Feministinnen klagen an oder machen deutlich, wo die Hürden sind, aber sie haben immer noch Schwierigkeiten, zu publizieren. Eine Akzeptanz der feministischen Narrative ist noch immer nicht weit verbreitet. Im Gegenteil, es gibt sogar neue Formen der Gewalt und das ist mit das Gefährlichste. Wir haben heute in Social Media mehr Fake News, KI und Pornographie, und das führt dazu, dass man meinen könnte, frühere Generationen von Frauen waren sogar freier als die modernen Frauen.

Institutionell gibt es sicher Fortschritte, aber, wenn wir sehen, wie Frauen immer noch heute leben, sind wir nicht überzeugt, dass es Fortschritte gibt. Das ist eher gesellschaftlicher Schein.“

Weitere Informationen zur Konferenz unter: https://romanistik.uni-wuppertal.de/de/fachteile/literatur-und-kulturwissenschaft/forschung/fachtagungen-kolloquien-und-workshops/international-conference-conflicting-narratives/

Uwe Blass

Dr. Susana Pinilla Alba ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Spanische und Französische Literaturwissenschaft in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universität.