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Zwischen Glaube und Persönlichkeit

Wie Musliminnen Farben nutzen, um Identität auszudrücken

23.06.2026|13:25 Uhr

Welche Faktoren beeinflussen die Farbwahl kopftuchtragender Musliminnen? Eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal und der Humboldt-Universität zu Berlin zeigt, dass persönliche Vorlieben eine größere Rolle spielen als religiöse Vorgaben. Farben dienen den Befragten unter anderem dazu, Persönlichkeit auszudrücken und sich unterschiedlichen Alltagssituationen anzupassen.

Im Rahmen der Studie Farben des Glaubens wurden 593 kopftuchtragende Musliminnen aus Deutschland und der Türkei befragt. // Fotomontage Axel Buether, Tuba Işık

Für die Religionspädagogin und Theologin Prof. Dr. Tuba Işık von der Humboldt-Universität zu Berlin liefert die Untersuchung damit ein klares Signal an die Öffentlichkeit: „Unsere Daten zeigen unmissverständlich: Muslimische Frauen sind divers – man muss diese Diversität nur wahrnehmen wollen. Pauschalisierungen, die das Kopftuch auf ein homogenes, eindimensionales Symbol reduzieren, gehören angesichts dieser Befunde endgültig der Vergangenheit an.“

Im Rahmen der Studie Farben des Glaubens wurden 593 kopftuchtragende Musliminnen aus Deutschland und der Türkei befragt. Die Forschenden erfassten erstmals systematisch Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen, Religiosität und der Farbwahl von Kopftüchern.

Persönliche Geschmack als wichtigster Einflussfaktor für Farbwahl

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die hohe Bedeutung persönlicher Präferenzen: 97 Prozent der befragten Frauen nennen ausschließlich ihren persönlichen Geschmack als wichtigsten Einflussfaktor ihrer Farbwahl. Religiöse Normen schränken den Spielraum lediglich ein. Und auch Familie, religiöse Autoritäten, soziale Medien oder gesellschaftliche Erwartungen spielen im Alltag eine völlig untergeordnete Rolle.

„Wir konnten zeigen, dass Persönlichkeit selbst dort sichtbar bleibt, wo religiöse Erwartungen und soziale Normen die Farbwahl beeinflussen“, sagt Farbpsychologe Prof. Dr. Axel Buether von der Bergischen Universität Wuppertal. „Farben sind kein dekoratives Detail. Sie sind ein Instrument visueller Selbstkommunikation.“

Farbpräferenzen und Formen religiöser Orientierung hängen zusammen

Die Studie weist zudem auf Zusammenhänge zwischen bestimmten Farbpräferenzen und Formen religiöser Orientierung hin. Nicht Weiß, sondern Schwarz zeigt den stärksten Zusammenhang mit einer ausgeprägten Taqwa-Orientierung. Dieser zentrale Leitbegriff islamischer Lebenspraxis beschreibt kein starres Dogma, sondern eine umfassende Haltung innerer Achtsamkeit, moralischer Integrität und ethischer Selbstformung im Alltag. Während Weiß häufig mit Reinheit und Spiritualität assoziiert wird, steht Schwarz in der Alltagspraxis offenbar stärker für Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit und bewusst reduzierte Sichtbarkeit.

Auch im Vergleich zwischen Deutschland und der Türkei wurden Unterschiede sichtbar. Während die befragten Frauen in Deutschland die Farbwahl häufiger mit Individualität und Offenheit in Verbindung brachten, zeigte sich bei den Teilnehmerinnen aus der Türkei eine stärkere Orientierung an traditionellen Mustern der Zurückhaltung und des visuell „Nicht-Auffallens“. Die Forschenden führen diese Unterschiede auf verschiedene gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Alltagserfahrungen zurück.

„Glaube wird ästhetisch gestaltet“

Das Kopftuch erweise sich in der Praxis als ein hochkomplexes, mehrdimensionales Identitätssystem. „Glaube wird von den Frauen aktiv und ästhetisch gestaltet. Die Farbwahl ist kein Akt blinder Konformität, sondern eine innerlich verankerte, eigenständig reflektierte Praxis, mit der die Frauen ihre spirituelle Aufmerksamkeit, ihre persönliche Identität und die Anforderungen des Alltags feinsinnig miteinander in Einklang bringen“, so Tuba Işık weiter.

Die Studie verbindet erstmals Ansätze aus Farbpsychologie, Persönlichkeitsforschung und islamischer Religionspädagogik. Nach Einschätzung der Forschenden eröffnet dieser interdisziplinäre Ansatz neue Perspektiven für die Untersuchung visueller Selbstkommunikation im Zusammenspiel von Persönlichkeit, Religiosität und sozialem Kontext.

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick

- Persönlichkeit bleibt auch unter religiösen Normvorstellungen in der Farbwahl sichtbar.
- Offenheit für Erfahrungen steht in Zusammenhang mit einer vielfältigeren Farbgestaltung.
- Frauen passen ihre Farbwahl systematisch an unterschiedliche soziale Situationen an.
- Schwarz – nicht Weiß – ist die empirisch stärkste Taqwa-Farbe der Studie.
- 97 Prozent nennen den eigenen Geschmack als wichtigsten Einflussfaktor ihrer Farbwahl.
- Deutschland und Türkei unterscheiden sich trotz vergleichbarer Religiosität deutlich in ihren Farbpraktiken.
- Die Farbwahl kann als Form visueller Selbstkommunikation verstanden werden.