Gemeinsam vor Ort
Wie ein solarbetriebener Container neue Perspektiven für Landwirt*innen in Afrika schaffen soll
Mit dem „Solar Dryer“ fing alles an. Inzwischen arbeitet das Team von Save the Grain daran, eine größere Vision umzusetzen. // Foto Lenia Römer
„Innovation wirkt dann nachhaltig, wenn sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Wir wollen mit Menschen vor Ort zusammenarbeiten und gemeinsam Perspektiven für faire Wertschöpfungsketten schaffen“, berichtet Robin Schallenberg über das Vorhaben hinter dem geplanten Start-up.
Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann studierte er Wirtschaftspsychologie in Köln und tüftelt nun gemeinsam mit Maschinenbauer Marvin Maul an der Bergischen Universität Wuppertal an einer Lösung, die Lebensmittelverluste reduziert und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Landwirt*innen in Afrika südlich der Sahara unterstützt.
Warum sie das machen? „In Afrikas Landwirtschaft südlich der Sahara gehen laut dem Informationssystem APHLIS und der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen bis zu 40 Prozent der Ernte durch unzureichende Trocknung und Lagerung verloren“, erklärt Schallenberg. Außerdem seien viele Landwirt*innen stark von Zwischenhändler*innen abhängig. „Ohne die direkte Anbindung an lokale Märkte verkaufen sie ihre Ernte unter Wert und bleiben finanziell häufig so schlecht gestellt, dass sie sich zum Beispiel die Kosten für den Schulbesuch ihrer Kinder nicht leisten können“, fährt er fort. Für viele sei der Zugang zu Bildung somit eben keine Selbstverständlichkeit. Die beiden Gründungswilligen erfuhren davon selbst während eines Aufenthalts im Senegal.
Robin Schallenberg (3.v.l.) und Marvin Maul (5.v.l.) im Austausch mit Vertreter*innen des ghanaischen Ministeriums für Nahrung und Landwirtschaft. // Foto Maximilian Krämer
Alles an einem Ort
Inzwischen ist einiges passiert: Aus der Idee, vor Ort mit den Menschen etwas zu verändern, wurde Save the Grain, gefördertes Start-up- und Forschungsprojekt an der Bergischen Universität Wuppertal. Im Portfolio hat das Team bereits den „Solar Dryer“, ein rein solarbetriebenes Trocknungssystem zur Reduzierung von Ernteverlusten. „Wir wollen die Wertschöpfungskette noch ganzheitlicher betrachten, wodurch uns die Idee zu einem Produktionscontainer kam, der ebenfalls ohne Zugang zum Stromnetz oder Benzin auskommt“, berichtet Marvin Maul.
Unterstützung finden Schallenberg und Maul seitdem an der Bergischen Universität Wuppertal – vom Start-up Center und dem UNESCO-Lehrstuhl für Entrepreneurship und Interkulturelles Management jeweils unter Leitung von Prof. Dr. Christine Volkmann sowie dem Lehrstuhl für Elektromobilität und Energiespeichersysteme unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Benedikt Schmülling.
Das Start-up Center begleitet das Team dabei nicht nur bei der Entwicklung des Gründungsvorhabens, sondern unterstützt auch bei der Beantragung von Fördermitteln und beim Aufbau des Start-ups. Ein erster Meilenstein: Gemeinsam mit dem Start-up Center hat das Team von Save the Grain eine Förderung im Rahmen des Programms Start-up Transfer.NRW eingeworben.
Die Vision
Der Solar Dryer trocknet die Ernte, im Produktionscontainer wird das getrocknete Gut dann direkt weiterverarbeitet und verpackt. „Alles an einem Ort, statt die Rohware unverarbeitet zu verkaufen“, fasst Marvin Maul zusammen. Die Entwicklung der einzelnen Module ist im vollen Gange. Auf dem Papier sieht das Konzept bislang so aus:
Ausgestattet ist der Container, der ebenfalls ohne Anschluss an ein externes Stromnetz auskommt, mit Edelstahl-Arbeitsflächen, Prozessen zum Sortieren und Abwiegen der Erntegüter sowie einer Mühle für pulverisierte Produkte. Eine Hygienekammer wird gezielt eingebaut, um eine hygienische Produktion sicherzustellen und damit die Grundlage für eine spätere Zertifizierung für den Export nach Deutschland zu schaffen.
Die Verpackung erfolgt direkt vor Ort mit einem Vakuumiergerät. Alle Maschinen werden entweder direkt über die Solaranlage oder indirekt über einen Batteriespeicher betrieben. „Dabei gilt es, sorgfältig auszubalancieren, wie viele Maschinen automatisiert und wie viele manuell betrieben werden, um möglichst schnell produzieren und gleichzeitig möglichst wenig Strom verbrauchen zu können“, erklärt Marvin Maul.
Für die Landwirt*innen bedeutet das: Sie übernehmen auch die komplette Weiterverarbeitung ihres Ertrags – Sortieren, Vermahlen, Verpacken – und stellen so aus der getrockneten Ernte fertige, verkaufsfähige Produkte her.
Das Konzept hinter der Vision. Das 3D-Modell zeigt die Komponenten des in Ghana geplanten Aufbaus von Solartrockner und Produktionscontainer mit Hygieneschleuse. // Abbildung Save the Grain
Stabilität schaffen
Laut Robin Schallenberg können dadurch neue, qualifizierte Tätigkeiten vor Ort mit neuen Einkommensmöglichkeiten entstehen. Ein höherer Anteil der Wertschöpfung bliebe bei den Landwirt*innen und in der Region statt beim Zwischenhandel. Er betont: „Mit Save the Grain wollen wir Wege aufzeigen und daran mitwirken, dass lokale Wertschöpfung in der Landwirtschaft dauerhaft gelingt. Ernteverluste zu reduzieren und die Verarbeitung des Ertrags zu ermöglichen, sind der erste Schritt. Im besten Fall resultieren daraus neue Marken und Vertriebsstrukturen, mit denen die Landwirt*innen in Zukunft auch europäische Märkte bedienen und so ihre finanzielle Unabhängigkeit sichern könnten.“
Bis Frühjahr 2027 soll die Entwicklung des Containers abgeschlossen sein. Aktuell sucht das Projektteam Industriepartner, die beim Containerbau, beim Aufbau des Erntevertriebs in den Einzelhandel sowie bei Marketing und Vermarktung der Produkte unterstützen. Außerdem steht es im Austausch mit dem ghanaischen Agrarministerium, um Transport, Aufbau und Einsatz zu planen. „Wenn alles klappt, bauen wir das gesamte System im Mai 2027 vor Ort auf und begleiten seinen Einsatz, um mehr über seine Wirksamkeit zu erfahren. Uns interessiert zum Beispiel: Wie stark reduzieren sich Ernteverluste, wie ist die Produktqualität, welche Einkommenseffekte entstehen bei den beteiligten Landwirt*innen?“, blickt Schallenberg voraus. Dabei wollen er und sein Projektpartner auch eng mit ghanaischen Universitäten zusammenarbeiten.
Der Blick voraus
Der erste Container ist das Pilotprojekt. Bestätigt sich die Wirkung, ist die Vorstellung, das Modell auf westafrikanische Länder auszuweiten. Und auch Länder in Asien oder Südamerika können laut Schallenberg und Maul interessant sein – immer eng an lokalen Bedarf und Partnerstrukturen angepasst. „Die Idee ist kein zentral von uns betriebenes Container-Netzwerk, sondern ein – dank Bauplan, Schulungen und Betriebsmodell – replizierbares Konzept, das lokale Partnerorganisationen oder Kooperativen mit Unterstützung selbst umsetzen können“, resümieren die beiden Zukunftsgestalter.
Finanziert wird Save the Grain im Rahmen des EFRE / JTF-Programms NRW über das Programm Start-up Transfer.NRW.
Weiterführende Informationen: www.savethegrain.de/