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Medienkompetenz stärken

Wer glaubt denn sowas?

16.04.2026|11:40 Uhr

Vor allem in Krisenzeiten haben Verschwörungserzählungen Konjunktur. Über soziale Medien verbreiten sie sich rasend schnell. Literaturwissenschaftler Dr. Antonius Weixler schaut sich an, wie sie funktionieren und liefert damit auch praktische Hinweise für ihre Entlarvung.

Symbolfoto Colourbox

Die Coronapandemie ist eine Inszenierung, die Mondlandung hat es nie gegeben und natürlich: Elvis lebt. Beispiele für Verschwörungserzählungen. „Dabei wird oft behauptet, es handele sich bei den Verschwörern um eine im Geheimen operierende Gruppe, die aus niederen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören“, sagt Antonius Weixler, Literaturwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal. In einem Artikel hat er die narrative Konstruktion von Verschwörungserzählungen und -theorien untersucht.

„Verschwörungserzählungen leben zudem ganz stark davon, ein Gerechtigkeitsproblem zu konstruieren“, ergänzt Weixler. „Im Bereich des Öffentlichen und in der Politik gehe es letztlich ja stets um Verteilungskämpfe. Verschwörungserzählungen beschreiben diese immer als Gerechtigkeitsproblem. Und die Urheber einer solchen Verschwörung werden von Verschwörungsgläubigen in der Regel immer mit Kollektivsingularen angegeben. Also ein Kollektivsingular wie ‚die Medien‘, ‚die Politik‘, ‚die Elite‘ oder ‚die Wissenschaft‘.“

Konsens in der Wissenschaft wird angezweifelt

Verschwörungserzählungen zu erkennen, ist gar nicht so einfach. „Das vermeintlich ‚wahre‘ Wissen ist für Anhängende solcher Geschichten immer unter einer Oberfläche versteckt. Verschwörungserzählungen konstruieren daher immer die Durchbrechung einer solchen Oberfläche, wobei mit dieser Oberfläche ganz unterschiedliche Dinge gemeint sein können. Die Oberfläche kann ganz generell als die offizielle Version einer Geschichte angesehen werden, es kann damit aber auch die Moderne an sich gemeint sein. Wichtige weitere Merkmale, die dann noch mit dazu kommen, sind immer auch eine starke soziale Hierarchisierung von Gruppen und ein Dualismus aus Gut und Böse, ein sogenanntes manichäisches Weltbild. Die Erwartungshaltung von Verschwörungsgläubigen ist immer, dass die Eliten tendenziell Böses im Schilde führen.“

MAGA – Make America great again

Verschwörungserzählungen werden oft in Slogans zusammengefasst, um wirken zu können. Dazu Weixler: „In dieser Hinsicht ist sicherlich Trumps Wahlkampfslogan ‚Make America great again‘ sehr gut gemacht, weil er mit wenigen, sehr konzentrierten Worten ganz viel aufruft. Wir haben ein Opfernarrativ, ein Verlierernarrativ und letztlich auch ein Verteidigungsnarrativ. Wer dieser Meinung ist, dass Amerika früher einmal großartig war und dies heute nicht mehr ist, der fühlt sich fast automatisch auch als Verlierer dieser Entwicklung. Und wenn man sich als Verlierer dieser Entwicklung fühlt, dann erzeugt das ein Gerechtigkeitsproblem und auch Verteidigungsimpulse. Das Verlierer- und Opfernarrativ löst so automatisch ein Verteidigungsnarrativ aus, und deswegen steckt da so viel drin.“

Außerdem sei dieser Slogan auch ‚catchy‘, er funktioniere deshalb so gut, weil er die Menschen mitnehme, indem er eine Wir-Botschaft sende, sodass man sich dieser Gruppe leicht zugehörig fühle. Und das Kürzel MAGA präge sich zudem sofort ein.

Verschwörungserzählungen erkennen lernen

„Privilegiertes Wissen ist Wissen, welches inszeniert ist und dem tatsächlichen Wissen lediglich ähnelt“, sagt Weixler. „Aber es gibt ein paar Möglichkeiten, den Unterschied zu erkennen, deshalb spreche ich auch von Verschwörungserzählungen oder Verschwörungsnarrativen im Unterschied zu Verschwörungstheorien.“ Dazu gehöre die Anwendung des Kollektivsingulars. Wenn also behauptet werde, ‚die Medien‘ würden uns eine offizielle Version verkaufen, sei das nach Meinung von Verschwörungsgläubigen lediglich die Oberfläche, unter der dann ein irgendwie konstruiertes, vermeintlich ‚wahres Wissen‘ zu finden sei. „Unter der Oberfläche haben wir nicht nur alternative Fakten und meinen eine Verschwörung erkennen zu können, sondern wir haben letztendlich dort auch eine andere Art von Wissen."

Dieses vermeintliche ‚eingeweihte Wissen‘, das unter der Oberfläche ist, das ist oft auch so etwas, was man eigene Empirie nennen könnte. Es wird häufig mit eigener Anschauung argumentiert, also mit einem sehr subjektiven Beispiel im Sinne von: ‚Ich habe das so erlebt‘ oder ‚Ich habe gehört, dass das so ist‘, ‚Ich kenne jemanden, dem ist das so passiert‘. Es wird an die subjektive Erfahrung angelehnt, und das auch noch, wenn das oft gar nicht die eigene Erfahrung ist, sondern nur Hörensagen.“

Wenn man dann nach den konkreten Quellen einer solchen Information frage, können daher viele auch keine Antwort darauf geben. Es sei eine Parallelwelt mit einer anderen Art von Wissen, das oft auch nicht als Wissen, sondern mit Glauben beschrieben oder begründet wird.

Mediale Entwicklungen leisten Verschwörungserzählungen Vorschub

Großereignisse wie 9/11 2001, die Finanzkrise 2007, die sogenannte ,Flüchtlingskrise‘ 2015, aber auch die Trump-Wahl und die Brexit-Abstimmung 2016 sowie die Coronapandemie 2020 wurden von einer Flut von Falschmeldungen, Fake-News und insbesondere von Verschwörungserzählungen begleitet. Die mediale Entwicklung hat diese Ausbreitung begünstigt. „Diese Ereignisse decken ja eine Spanne von über 20 Jahren ab, da hat sich natürlich auch mediengeschichtlich extrem viel verändert“, sagt der Fachmann. „Während wir bei 9/11 erst mit einer zeitlichen Verzögerung und dann teilweise durch klassische Formate wie Dokumentationen, die dann auf Youtube hochgeladen wurden, oder sogar Bücher, die geschrieben wurden, Gegenpositionen zu offiziellen Erklärungen bekommen haben, lief es bei der Coronapandemie wesentlich schneller, eben weil sich auch die Medien stark verändert haben. Die ‚neueren‘ und ‚geschlossenen‘ sozialen Medien wie X, ehemals Twitter, Instagram oder Telegram rufen viel schnellere Reaktionen hervor und durch ihre Teilen-Funktionen überdies exponentielle Reproduktionen als dies in den im Vergleich dazu langsamen ‚alten‘ und ‚offenen‘ sozialen Medien wie Youtube oder Facebook der Fall war.“

Verschwörungserzählungen liefern in diesem Zusammenhang fast immer einfache Erklärungen für sehr komplexe Phänomene. „Und das hören die Menschen sehr gerne. Es ist eine sehr starke Komplexitätsreduktion. Sie bieten einfache Erklärungen für Bereiche, die sehr mehrdeutig sind, das heißt wir sehen bei Verschwörungsgläubigen eine verbreitete Unfähigkeit oder eine Vermeidungsstrategie, Uneindeutigkeit auszuhalten. Das geht uns vielleicht ganz generell in den sozialen Medien mit der immer größer werdenden Informationsflut zusehends verloren. Heute haben wir unglaublich viele Medienkanäle, die nicht von ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten bedient werden. Heute kann jeder senden, und tut es auch. Daher kann man oft nicht mehr erkennen, was ein Informations- oder Meinungskanal ist und was nicht, welche Informationen mit journalistischen Standards geprüft wurden und welche nicht. Wir brauchen eine viel stärkere Ausbildung in Medienkompetenz, Fiktionskompetenz und Narrativkompetenz. Wir müssen auch in der Ausbildung einiges verändern und den Menschen diese Grundkompetenzen wieder verstärkt beibringen.“

Verschwörungsgläubige haben ein sehr verfestigtes Weltbild

Die Wissenschaft sagt, Verschwörungserzählungen sind final motiviert, es steht also schon von Beginn an fest, wie eine Geschichte enden wird. Daher scheinen sie auch immer abschließende Antworten geben zu können. „Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungsgläubige haben ein sehr verfestigtes Weltbild“, erklärt der Literaturwissenschaftler, das bestehe aus der Grundunterscheidung von Gut und Böse sowie aus einer sehr einfachen Vorstellung davon, wie Handlungsmacht funktioniere, also, dass zum Beispiel ganz wenige Individuen globale Ereignisse steuern können.

„Das widerspricht letztlich allem, was die Wissenschaft über Handlungsmacht und Entscheidungsprozesse weiß, denn globale Ereignisse sind nie nur von einzelnen Menschen gesteuert. Sobald aber eine größere Anzahl von Individuen an Entscheidungen beteiligt ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass früher oder später immer irgendjemand etwas ausplaudern würde. Verschwörungen wiederum basieren auf der falschen Annahme, dass ein sehr kleiner Kreis etwas plane und dass alle in diesem Kreis stillhalten.“

Transfergeschichten

Dieser Beitrag wird von der Universitätskommunikation der Bergischen Universität zusätzlich veröffentlicht. Die „Bergischen Transfergeschichten“ zeigen an vielen Beispielen, wie Forschende mit ihren Ergebnissen Gesellschaft, Wirtschaft, Region und Alltag aktiv mitgestalten.

Sie finden den gesamten Beitrag auf der Internetseite des UniService Third Mission.