EU-Millionenförderung
Viel mehr als Deko: Forschungsprojekt TROWI widmet sich der fast vergessenen Geschichte der Zimmerpflanzen
Ausgezeichnet von der EU erforscht Juniorprofessorin Anne Sophie Overkamp zukünftig die Geschichte der Zimmerpflanzen. // Foto Friederike von Heyden
In ihrem Projekt TROWI – The TROpics on the WIndowsill will Anne Sophie Overkamp nicht nur den Weg subtropischer und tropischer Pflanzenarten nach Europa nachzeichnen sowie deren Domestizierung und Kommerzialisierung untersuchen, sondern auf diese Weise auch neue Erkenntnisse über die Beziehung zwischen uns Menschen und der Natur sammeln.
Mit ihrem Vorhaben und seiner Bedeutung überzeugte die Juniorprofessorin für Historische Wissenschafts- und Technikforschung auch auf EU-Ebene: Der Europäische Forschungsrat (ERC) wählte die Wissenschaftlerin der Bergischen Universität Wuppertal in der aktuellen Förderrunde für einen seiner renommierten ERC Starting Grants aus (siehe auch Infokasten). Sie ist damit die erste Person in der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften, die einen ERC Grant erhält.
Zusammenhänge deutlich machen
Doch warum gerade Zimmerpflanzen? An ihnen, so die Forscherin, werde sichtbar, wie eng Alltag und Weltgeschichte miteinander verbunden seien. Die Ausbreitung der Zimmerpflanzenkultur steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Industrialisierung und Urbanisierung einerseits und mit Imperialismus und Kolonialismus andererseits. In TROWI schaut sie sich daher den Zeitraum ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 genauer an.
„Grüne Pflanzen im Heim waren für viele Menschen eine Möglichkeit, sich mit veränderten Lebensumständen in der Stadt zu arrangieren und der wahrgenommenen Entfremdung von der Natur etwas entgegenzusetzen“, berichtet Anne Sophie Overkamp.
Zudem seien viele dieser Pflanzen eben nur verfügbar, weil europäische Mächte ihren Einflussbereich ausdehnten und sich Ressourcen aus anderen Regionen aneigneten. „Inzwischen sind die tropischen und subtropischen Ursprünge vieler heute ganz selbstverständlicher Zimmerpflanzen fast vergessen“, fährt Overkamp fort.
Zimmerpflanzen schmücken unsere Wohnung, lassen uns wohlfühlen. Wo sie herkommen, ist vielen heute gar nicht mehr bewusst. // Foto Colourbox.de*
Keine Nebensächlichkeit
Das will sie ändern, auch, um mit dem Wissen über die Vergangenheit neue Sichtweisen auf Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen. „TROWI ist das erste groß angelegte Forschungsvorhaben, das sich den Zimmerpflanzen widmet. Diese erscheinen häufig als Nebensächlichkeit. Aber über sie lassen sich auf originelle Weise Forschungsfragen miteinander verknüpfen, die bislang meist getrennt voneinander betrachtet werden. Denn die Pflanzen verkörpern sowohl globale Transferprozesse als auch lokale Aneignungspraktiken“, erklärt Anne Sophie Overkamp.
Overkamp macht klar, dass ihre Untersuchung ein neues und umfassendes Bild davon liefern kann, wie Menschen die Pflanzenwelt prägen – und – genauso wichtig – von ihr geprägt werden. So soll das Projekt auch helfen, besser zu verstehen, was Natur in einer globalisierten Welt bedeutet und wie die Natur auf menschliche Eingriffe reagiert.
Für frische Denkansätze stellt das Forschungsteam bewusst die Pflanze ins Zentrum der Betrachtung. „Aus dieser Perspektive, in der Pflanzen nicht mehr nur als passive Ressource, sondern eigenständige Akteure der Geschichte gesehen werden, beleuchten wir bekannte Themen wie wissenschaftlichen Fortschritt, Imperialismus und Geschlechterrollen neu.“
Auch für die BUGA 2031 gibt es Pläne
In TROWI verbindet das fünfköpfige Team Ansätze aus den Natur- und Geisteswissenschaften – von Botanik über Wissenschafts-, Technik- und Kunstgeschichte bis zur Globalgeschichte. Geforscht wird mit zeitgenössischen Samen- und Pflanzenkatalogen großer Gärtnereien, mit historischen Gartenbauzeitschriften wie Möllers Deutsche Gärtner-Zeitung, dem belgischen Journal d’Horticulture Pratique oder dem Botanical Magazine sowie mit Fotografien, Druck- und Werbegrafiken.
„Wir schauen uns diese Materialien an und können auf diese Weise zum Beispiel nachvollziehen, wie aus fernen Ländern stammende Pflanzen in den europäischen Alltag gelangten, wie diese züchterisch verändert wurden und wie ihre Präsenz dort sichtbar wurde: Ab wann tauchen sie in den Katalogen auf, wie wird für sie in Zeitschriften geworben und welches Image wird gegebenenfalls auch transportiert“, fasst die Forscherin zusammen.
Zu den Ergebnissen sollen drei wissenschaftliche Buchveröffentlichungen und mehrere Zeitschriftenaufsätze gehören. Darüber hinaus plant das Team eine öffentlich zugängliche Webseite, die bedeutende Handelsgärtnereien und die Pflanzenkultur im 19. Jahrhundert abbildet.
Auch Podcast-Interviews und eine interaktive Ausstellung, möglichst im Rahmen der Bundesgartenschau 2031 in Wuppertal, sind vorgesehen, um die Forschung und ihre Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen.
Rektorin Prof. Dr. Birgitta Wolff gratuliert Anne Sophie Overkamp im Namen der Universitätsleitung herzlich zu diesem herausragenden Erfolg: „Anne Sophie Overkamps ERC-gefördertes Projekt zeigt, wie ein neuartiger Forschungsansatz vermeintlich Alltägliches neu beleuchten und dabei wichtige Fragen über unser Verhältnis zur Natur, zu Globalisierung und gesellschaftlichem Wandel bearbeiten kann.“
Mehr Hintergrund: ERC Starting Grant
In der aktuellen Förderrunde wurden 4.807 Projektvorschläge eingereicht, von denen nur etwas mehr als 8,8 Prozent (421) eine Förderung erhalten. Für ihre Starting Grants erhalten die Forschenden zunächst jeweils eine Fördersumme von 1,5 Millionen Euro. Das Geld wird über einen Zeitraum von fünf Jahren zur Verfügung gestellt.
Zielgruppe der ERC Starting Grants sind exzellente Nachwuchswissenschaftler*innen am Beginn einer unabhängigen Karriere: Forschende aller Nationalitäten mit zwei bis sieben Jahren Berufserfahrung seit Abschluss ihrer Promotion, einer vielversprechenden wissenschaftlichen Laufbahn und einem hervorragenden Forschungsvorhaben können sich bewerben. ERC Starting Grant-Ausschreibungen sind für alle Themen und Disziplinen offen. Die Anträge werden ausschließlich nach dem Kriterium der wissenschaftlichen Exzellenz beurteilt.
Weitere Zahlen, Fakten und Hintergründe: https://erc.europa.eu/news-events/news/erc-2026-starting-grants-results (Pressemitteilung ERC vom 3. September 2026)
* Die Nutzungsrechte für das Colourbox-Bild obliegen der Bergischen Universität Wuppertal. Es ist nicht für die Veröffentlichung durch Dritte lizensiert.