Interview
Nachhaltigkeit und Diversität als strategische Zukunftsaufgabe
Prof. Dr. Rita Casale // Foto Friederike von Heyden
Frau Professorin Casale, Sie sind seit Anfang des Jahres Prorektorin für Nachhaltige Organisationsentwicklung und Diversität. Wie haben Sie Ihre ersten Monate in diesem Amt erlebt?
Es ist eine sehr intensive Zeit, intensiver, als ich sie mir vorgestellt habe. Die Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, sind anders als die, die mit einer Professur verbunden sind. Sie setzen eine andere Form der kollegialen Kooperation und eine Art wissenschaftlicher Übersetzung voraus. Darüber hinaus ist der Bereich, für den ich zuständig bin – Nachhaltige Organisationsentwicklung und Diversität – nicht nur vielfältig, sondern die dazugehörigen Themen bilden Querschnittsaufgaben, die einen hohen Grad an Kommunikation und Abstimmung abverlangen.
Was hat Sie ganz persönlich motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?
Ich bin nicht nur Bildungsphilosophin und Bildungshistorikerin, sondern auch Universitätsforscherin. Die Universität als öffentlicher Bildungsort spielt eine entscheidende Rolle in meiner wissenschaftlichen Biografie. In meiner Funktion als Professorin habe ich versucht, mehreren Generationen von Studierenden und Doktorand*innen die bildungstheoretische und bildungsgeschichtliche Bedeutung der Universität zu vermitteln. Heute leben wir in einer historischen Phase, in der es besonders wichtig geworden ist, an diese Bedeutung zu erinnern und die Universität als Institution des öffentlichen Lebens zu verteidigen. Diese Überzeugung hat mich dazu veranlasst, diese Aufgabe zu übernehmen.
Sie haben in den vergangenen Monaten viele Gespräche innerhalb der Universität geführt. Welche Eindrücke haben Sie daraus mitgenommen?
Ja, ich habe tatsächlich viele Gespräche geführt – und sie haben mich in vieler Hinsicht überrascht und bereichert. Besonders beeindruckt hat mich die klare Bereitschaft von Dezernent*innen, Leiter*innen von Stabsstellen und zentralen Einrichtungen sowie von Referent*innen, die Universität konsequent aus einer nachhaltigen, inklusiven und antidiskriminierenden Perspektive weiterzuentwickeln.
Bücher waren in meinem Leben stets die wichtigste Wissensquelle. Sie werden auch bleiben. In den zahlreichen Gesprächen der vergangenen Monate, in den unterschiedlichen Sitzungen, an denen ich teilnehmen durfte und musste, habe ich jedoch vieles auf andere Weise gelernt. Diese Form der Wissenszirkulation – im Austausch, in strukturierten Gesprächen und innerhalb eines institutionalisierten Rahmens – fasziniert und bereichert mich sehr. Dafür möchte ich mir meine Offenheit bewahren.
Ihr Ressort verbindet nachhaltige Organisationsentwicklung mit Diversität. Was bedeutet das konkret für eine Universität?
Ich sehe einen engen Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Diversität, sowohl in systematischer, theoretischer als auch in institutioneller und kultureller Hinsicht. Ein großer Klassiker ökonomischer und gesellschaftlicher Transformation, Karl Marx, der kein Feminist oder Nachhaltigkeitsdenker war, hat in einer seiner frühen Schriften behauptet, dass der Grad der Zivilisation einer Gesellschaft sich an dem Verhältnis messen lässt, das ihre Mitglieder zum anderen Geschlecht und zur Natur haben. Davon bin ich heute noch überzeugt. Ergänzt werden müsste heute, bezogen auf Diversität, das Verhältnis zu dem, was als fremd betrachtet wird. Das impliziert in kultureller Hinsicht einerseits ein Bekenntnis zur Tradition der europäischen Aufklärung, andererseits die Notwendigkeit einer Aufklärung dieser Tradition selbst, genauer hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Natur und zur Diversität.
Nachhaltigkeit und Diversität als Querschnittsaufgaben an der Universität zu etablieren bedeutet konkret, sie in Forschung, Lehre und Transfer jenseits kultureller Moden und politischer Konjunkturen zu verankern und institutionell mit neuen Formaten und Verfahren langfristig zu etablieren.
Mit Ihrem Antritt folgen Sie der „BUW-Pionierin“ in diesem Amt, Frau Prof. Gertrud Oelerich nach. Welche Impulse greifen Sie auf, welche sehen Sie derzeit besonders im Fokus Ihrer Arbeit?
Ausgehend von einer Nachhaltigkeitsperspektive habe ich ein zeitliches, ja geschichtliches Verständnis von Wissenserwerb sowie von Organisations- und Institutsentwicklung. Ich sehe meine Tätigkeit als Prorektorin für Nachhaltige Organisationsentwicklung in Kontinuität mit der Arbeit, die die Kollegin Gertrud Oelerich im Vorfeld für die Strukturierung und Entwicklung des Bereichs geleistet hat. Ich greife bewusst auf diese Arbeit zurück, da ich überzeugt bin, dass die Etablierung neuer Felder Zeit und eine gewisse Kontinuität erfordert, die jenseits der Personen gedacht werden muss, die für eine bestimmte Amtsperiode Verantwortung tragen. Meine Vorgängerin konnte auf eine über Jahre etablierte Gleichstellungsarbeit zurückgreifen und es ist ihr gelungen, erstens diesen Bereich mit dem Schwerpunkt Antidiskriminierung zu erweitern und zweitens das Thema Nachhaltigkeit als zentrales Element der Organisationsentwicklung zu konturieren.
Welche Schwerpunkte werden Sie legen?
Mein Fokus liegt derzeit auf der heuristischen Strukturierung des Feldes Nachhaltigkeit in Lehre, Forschung und Transfer. Gemeinsam mit der Referentin für Nachhaltigkeit an der BUW, Julia Schumacher, entwickeln wir eine Heuristik, die den zahlreichen Aktivitäten zum Thema Nachhaltigkeit in diesen Bereichen sowohl uniintern als auch öffentlich Sichtbarkeit verleiht. Sie soll einerseits der engeren Kooperation zwischen Lehrenden und Forschenden dienen, andererseits der Zivilgesellschaft und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen einen strukturierten Zugang zu den unterschiedlichen Initiativen in diesem Bereich ermöglichen.
Im Feld Diversität möchte ich mit Unterstützung der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität unter der Leitung von Sophie Charlott Ebert und im Zusammenhang mit der erfolgreichen Teilnahme am Professorinnenprogramm III und in Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten Prof. Dr. Brigitte Halbfas das Thema Gleichstellung und Diversität, das auf institutioneller Ebene exzellent etabliert ist, stärker auch in der Forschung verankern.
Umgekehrt soll das Thema Inklusion, das in der Forschung bereits prominent vertreten ist, künftig auch auf der operativen und institutionellen Ebene mehr Aufmerksamkeit erhalten.
Wenn Sie einige Jahre vorausblicken: Woran möchten Sie gern für sich selbst erkennen, dass Ihr Einsatz als Prorektorin erfolgreich war?
Ich wäre zufrieden, wenn es gelingt, Nachhaltigkeit – trotz politisch unterschiedlicher Konjunkturen – als Querschnittsthema und zugleich als Motor ökologischer, sozialer und ökonomischer Transformation dauerhaft im Profil der BUW zu verankern. Ebenso wichtig ist mir, in meiner Amtsperiode Strukturen, Lehrformate, Forschungszusammenhänge sowie Kooperationen zwischen Universität und Zivilgesellschaft zu entwickeln, die über diese Zeit hinaus Bestand haben und sich weiterentwickeln können.
Sehr zufrieden wäre ich, wenn es mir darüber hinaus gelingt, Gespräche zwischen Universität und Stadt so zu gestalten, dass sie einen intellektuellen Beitrag zum öffentlichen demokratischen Leben leisten.