Urban Mining Student Award 2025/26
Studentische Visionen für die ehemalige Tuchfabrik Hardt & Pocorny ausgezeichnet
Preisträger*innen und Organisator*innen bei der Preisverleihung im Wuppertaler Gaskessel. // Foto TEAMhillebrandt
Die diesjährige Preisverleihung fand im Gaskessel in Wuppertal statt – inklusive Führung durch die aktuelle Ausstellung sowie einer Show im Visiodrom. Die Preisverleihung bildete den feierlichen Höhepunkt des Abends.
Hintergrund: Aufgabe und Wettbewerb
Der Urban Mining Student Award wurde von Prof. Annette Hillebrandt (Bergische Universität Wuppertal) gemeinsam mit Prof. Dr. Anja Rosen (Münster School of Architecture) 2018 initiiert und richtet sich an Architekturstudierende im deutschsprachigen Raum. Im Fokus stehen der Gedanke des Urban Minings, also der bewusste Umgang mit dem Gebäudebestand als wertvollem Materiallager, und das kreislauffähige, nachhaltige Bauen. Gesucht werden innovative, gestalterisch hochwertige Lösungen, die zeigen, wie sich vorhandene Bausubstanz ressourcenschonend weiterdenken und in zukunftsfähige Quartiere überführen lässt.
In diesem Jahr stand die Frage im Zentrum, wie sich aus dem teilweise denkmalgeschützten Areal der ehemaligen Tuchfabrik Hardt & Pocorny ein lebendiges, generationenübergreifendes Quartier entwickeln lässt – mit Wohnen, Gewerbe und Ausbildungsstätten für rund 90 Auszubildende im Handwerksbereich. Eigentümerin des Areals und Kooperationspartnerin des Wettbewerbs ist die renaissance Immobilien & Beteiligungen AG, die das Gelände sanieren und umgestalten wird.
Die Arbeiten sind von einer Jury unter anderem nach ihrem Urban-Mining-Konzept, also der Verwendung von Re-Use-Bauteilen, kreislaufgerechter Konstruktion, Demontagefähigkeit, dem Erhalt des Bestands, Maßnahmen zur Biodiversität und Mikroklimaverbesserung sowie nach einem nachhaltigen Mobilitätskonzept bewertet worden.
Weitere Informationen zum diesjährigen Wettbewerb und den Aufgaben der vergangenen Jahre sind auf der Webseite www.urbanminingstudentaward.de zu finden.
Das Preisgericht
Die Jury tagte am 22. April 2026 an der Bergischen Universität Wuppertal und war besetzt mit Sabine Djahanschah (Deutsche Bundesstiftung Umwelt), Prof. Marc Günnewig (Bergische Universität Wuppertal / Geschäftsführung modulorbeat), Christine Ruiz Duran (Projektleiterin Nachhaltiges Bauen, DGNB Consultant), Barbara Zettel (Redakteurin Detail Zeitschrift) sowie Christian Baierl (Rennaissance AG), der zum Vorsitzenden gewählt wurde.
Die Preisträger*innen
1. Preis: „Kette.Schuss.Knoten" – Katharina Frescher und Julius Gasper (Hochschule Trier)
Den ersten Platz und damit das Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro sicherte sich der Entwurf „Kette.Schuss.Knoten". Die Jury würdigte den Beitrag als „herausragend" in seiner konzeptionellen Stringenz, konstruktiven Präzision und räumlichen Qualität: Der Bestand der ehemaligen Tuchfabrik wird hier nicht nur weitergenutzt, sondern in eine neue räumliche und konstruktive Ordnung überführt. Das Leitmotiv der Webkunst – Kette, Schuss, Knoten – übersetzt das Team in ein architektonisches Prinzip, das die lineare Struktur der Fabrik zu einem urbanen Gefüge weiterdenkt. Hervorgehoben wurde neben dem Einsatz vorhandener Bahnschienen als tragende Bauelemente, der nahezu utopisch hohe Anteil wiederverwendeter Bauteile.
Der zweite Preis wurde gleichberechtigt zweimal vergeben und mit jeweils 1.000 Euro dotiert.
2. Preis: „Der blaue Faden" – Viktoria Berger und Lukas Dauenheimer (Bergische Universität Wuppertal)
„Der blaue Faden" überzeugte durch eine respektvolle, minimalinvasive Weiterentwicklung des Bestandes. Die Verfasser*innen setzten sich eingehend mit dem historischen Ensemble auseinander und zogen für die zeichnerische Rekonstruktion zeitgenössische Fachliteratur zu Rate. Städtebaulich wie klimatisch klug ist die Idee, den historischen Wasserlauf wieder offen zu legen und dem Konzept Schwammstadt folgend mit Rückhalteflächen für Wasser, Zisternen und Regenwassernutzung auf Starkregenereignisse zu reagieren. Die Grundrisse sind klar gegliedert und von sehr hoher Raumqualität und die Herkunft wiederzuverwendender Materialien wird plausibel nachgewiesen.
2. Preis: „Community Bridges" – Mona Weish und Noah Sattler (Bergische Universität Wuppertal)
Ebenfalls mit einem zweiten Preis ausgezeichnet wurde „Community Bridges". Der Entwurf bietet eine ausnahmslos barrierefreie Lösung für die örtliche Höhensituation, indem mehrere Brücken die unterschiedlichen Ebenen des Geländes und der Gebäude miteinander verknüpfen. Ein echtes „Universal Design“ für gelebte Gemeinschaft entsteht. Schlüssig wird am zentralen Erschließungsknotenpunkt ein kulturelles Zentrum verortet. Konsequent durchdacht ist das Re- Use-Konzept, bei dem die vorhandenen Eisenbahnschienen sowohl in der Erschließung als auch im Innenausbau – etwa für verschiebbare Kuben in der multifunktionalen Werkhalle – verbaut werden. Flexible, hoch qualitative Innenräume entstehen in jedem Gebäude. Die Pläne weisen Herkunft, Zustand und Einbauort der Materialien transparent nach. Die Ertüchtigungen erfolgen im Urban-Mining-Design.
3. Preis: „Wupperpfad" – Jan Heinrichs und Valentin Riede (Bergische Universität Wuppertal)
Mit dem dritten Preis und 500 Euro Preisgeld wurde der Entwurf „Wupperpfad" ausgezeichnet. Die Jury lobte den schonenden Umgang mit dem Bestand und die Aktivierung des gesamten Wupperufers. Mit gezielten, minimalen Eingriffen werden neue räumliche Qualitäten geschaffen, ohne den historischen Charakter zu schwächen. Mögliche Nutzungsänderungen und eine zukünftige Kreislaufführung sind bereits mitgedacht. Das konsequent angewandte Hülle-und-Hof- Prinzip fördert fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenraum. Gebäudeteile werden mit entfernt, wenn ein räumlicher Mehrwert entsteht. Der namensgebende Wupperpfad verbindet das Quartier als durchgängiges Element.
Zwei Anerkennungspreise werden jeweils mit 300 Euro, einem Jahresabonnement der Zeitschrift „DETAIL Inspiration" sowie dem Fachbuch „Sortenrein Bauen" honoriert.
Anerkennung: „Zwischen RAUM" – Laura Schick und Eric Heinz (Bergische Universität Wuppertal)
Eine Anerkennung sprach die Jury dem Entwurf „Zwischen RAUM" aus. Gewürdigt wurde der städtebauliche Ansatz mit der Aktivierung des Wupperraums und der Ausbildung eines kommunikativen Zentrums als Quartiersbühne. Das Urban-Mining-Konzept basiert auf dem Rückbau der baufälligen Bahnlinie, deren Schienen vielfältigen Re-Use als Tragwerkselemente in Fassaden, Decken und Dach erfahren. Auch das Mobilitätskonzept überzeugt durch seinen realitätsnahen Umgang mit Stellplätzen und Anlieferung; die denkmalgeschützten Fassaden werden behutsam saniert.
Anerkennung: „Kollektives Quartier" – Lisa Rodewald und Marla Korten (Bergische Universität Wuppertal)
Mit einer weiteren Anerkennung wurde der Entwurf „Kollektives Quartier" bedacht. Die Arbeit überzeugt als solide, konsequent durchgearbeitete Antwort auf die Aufgabe: Wohnen, Handwerk und Grünräume werden in der alten Tuchfabrik zu einem lebendigen Quartier verwoben. Besonders hervorzuheben sind der fein differenzierte Wohnungsmix, die sehr durchdachten Außenräume mit hoher Aufenthaltsqualität sowie das konsequent vor Ort umgesetzte On-Site- Re-Use-Konzept.
Auf Wunsch des Sponsors wurden noch zwei weitere Sonderpreise vergeben und mit jeweils 300 Euro honoriert.
Sonderpreis für die beste Einzelidee: „WIEDER:HERGESTELLT“ – Nina Zoe Nevermann, Claudio Schröder und Josephine Petereit (Münster School of Architecture)
Mit dem Sonderpreis für die beste Einzelidee würdigte der Sponsor einen Entwurfsansatz, der „beispielhaft zeigt, welches räumliche und atmosphärische Potenzial im Bestand der ehemaligen Tuchfabrik Hardt & Pokorny in Radevormwald verborgen liegt“. Der Entwurf versteht die erheblichen Höhenunterschiede des Geländes nicht als Problem, sondern als räumliche Ressource. Die vorgeschlagene großzügige, begrünte Freitreppe entwickelt sich weit über eine reine Erschließungsfunktion hinaus zu einem identitätsstiftenden Stadtraum.
Sonderpreis für die beste inspirierende Atmosphäre: „Badevormwald" – Clara Brandis (Karlsruher Institut für Technologie)
Der Sonderpreis des Sponsors für die beste inspirierende Atmosphäre ging an „Badevormwald", einen Entwurf, der weniger über spektakuläre Formgesten als über Atmosphäre und räumliche Vorstellung überzeugt. Bereits der Titel formuliert eine neue Identität für den Ort und verbindet Bestand, Landschaft und Nutzung zu einem prägnanten räumlichen Bild. Der Bestand bleibt klar ablesbar, wird jedoch durch gezielte, Urban-Mining-gerechte Eingriffe in ein neues Verhältnis zur Wupper gesetzt – die Wasserkante ist keine technische Restfläche, sondern wird als ein identitätsstiftender sozialer Raum behandelt. Die Darstellungen vermögen eine besonders inspirierende Atmosphäre zu erzeugen.