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Interview & Ankündigung

„Einmischen gegen Rechts“ – Wie können Bildungseinrichtungen demokratische Werte verteidigen?

15.10.2026|16:00 Uhr

Die Veranstaltungsreihe „EINMISCHEN – Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung in einer demokratischen Gesellschaft“ findet dieses Wintersemester zum fünften Mal statt. Im Zentrum der Reihe steht die Frage, wie rechte Akteur*innen Bildung, Erziehung und Care-Arbeit zunehmend als gesellschaftliche Einflussfelder ins Visier nehmen – und wie dieser Einflussnahme wissenschaftlich, pädagogisch und politisch begegnet werden kann. Los geht es am Dienstag, 20. Oktober, um 18 Uhr mit einem Vortrag des Soziologen und Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer. Interessierte sind herzlich zur Teilnahme – online oder vor Ort – eingeladen.

Symbolbild Einmischen // Foto Colourbox/#66479714*

An der Bergischen Universität organisieren Dr. René Breiwe und Florian Monstadt die standortübergreifende Veranstaltungsreihe, die sich als hybrides Format auch an Interessierte außerhalb der Universität richtet. 

Im Interview berichten die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Bildungsforschung, welche Idee hinter der Veranstaltungsreihe steckt, welche konkreten Beiträge sie mit ihrer Forschung und Lehre für eine starke Demokratie leisten möchten und wie Einmischen gegen Rechts in der Praxis aussehen kann. 

Alle Termine und Themen der Veranstaltungsreihe sowie Informationen zur Teilnahme, gibt es im Veranstaltungsflyer (pdf-Download). 

Die Veranstaltungsreihe „EINMISCHEN“ geht in diesem Wintersemester bereits in ihre fünfte Runde. Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, die Reihe ins Leben zu rufen, und warum ist es aus Ihrer Sicht gerade heute wichtig, sich mit extrem rechten Einflussnahmen in Bildung, Erziehung und Care-Arbeit auseinanderzusetzen?

Rene Breiwe: Den Anstoß gab Anfang 2024 die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen, bei dem extrem rechte Akteur*innen aus Politik und Aktivismus über rassistische Deportationspläne sprachen. Kolleg*innen der Uni Siegen suchten daraufhin den Austausch, und wir in Wuppertal waren gern dabei. Viele von uns forschen diskriminierungskritisch und hatten lange vor allem subtile, strukturelle Formen von Diskriminierung im Blick – nun zeigt sie sich wieder offen und gezielt. Mit Siegen, der HS Düsseldorf und der Uni Duisburg-Essen starteten wir EINMISCHEN 2024; mittlerweile sind auch die Ruhr-Universität Bochum und die Pädagogische Hochschule Freiburg dabei.

„Extrem rechts“ verstehen wir dabei breit: von rechtskonservativen Grauzonen bis zu offen neonazistischen Szenen, verbunden durch die Ablehnung von Gleichwertigkeit und Menschenrechten. Das ist keine Randerscheinung, sondern zeigt sich auch in gewöhnlichen Praktiken und Strukturen, etwa in alltäglichem und institutionellem Rassismus. Gleichzeitig sind Bildung, Erziehung und Care-Arbeit Ziel extrem rechter Strategien. 

Florian Monstadt: Ein Beispiel dafür ist die Neutralitätsdebatte: Mit der Forderung nach Neutralität sollen Schule und politische Bildung entpolitisiert und vielfalts- und rassismuskritische Ansätze delegitimiert werden. Neutralität darf nicht heißen, menschenfeindliche Positionen hinzunehmen. Wir wollen Studierende und Fachkräfte daher befähigen, solche Strategien zu erkennen und sich einzumischen.

Vor welchen konkreten Herausforderungen stehen Menschen, die in Bildungseinrichtungen und pädagogischen Arbeitsfeldern tätig sind, und was brauchen sie, um den Mut zu haben, sich einzumischen?

René Breiwe: Wer pädagogisch arbeitet, steht nie außerhalb gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse. Rassismus und Ableismus prägen Schule, Kita und Soziale Arbeit als strukturelle Rahmenbedingungen, etwa bei Förderentscheidungen oder Übergängen – genau hier knüpfen extrem rechte Positionen an. Hinzu kommt, was Paul Mecheril als Faschisierung gesellschaftlicher Verhältnisse beschreibt: Der Vorrang einer partikularen Einheit, des „Volkes“, wird verabsolutiert, und es ist selbstverständlich geworden, Migration mit Bedrohung und Kriminalität zu verbinden. Das prägt Adressat*innen, Kollegien und Bildungspolitik, und viele Fachkräfte sind verunsichert, ob sie sich positionieren dürfen. Dabei ist der Auftrag klar: Vorgaben wie das Grundgesetz, die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen und die Schulgesetze verpflichten (eigentlich) auf Menschenwürde, Gleichbehandlung und Inklusion. Pädagogik ist also in diskriminierende Verhältnisse verstrickt und zugleich beauftragt, sie zu verändern. 

Florian Monstadt: Sich einzumischen heißt daher, sich nicht nur gegen offen extrem rechte Akteur*innen zu wenden, sondern auch gegen entsprechende eingespielte Strukturen, gesellschaftliche Logiken und Positionen, die derzeit viel Rückhalt haben. Dafür braucht es Wissen und Rückendeckung durch Leitungen, Träger und Kolleg*innen sowie Räume, in denen Unsicherheiten Platz haben und Handlungsmöglichkeiten gemeinsam entwickelt werden. Für diese Zusammenhänge möchten wir in unserer Lehre an der Bergischen Universität Wuppertal und darüber hinaus mit der Reihe EINMISCHEN sensibilisieren.

Die Veranstaltungsreihe bringt seit nun über zwei Jahren unterschiedliche Perspektiven aus Wissenschaft, Lehre und Praxis zusammen, findet standortübergreifend und hybrid statt. Was macht diesen Austausch über verschiedene Hochschulstandorte hinweg für die Beteiligten besonders wertvoll?

Florian Monstadt: Kein Standort und keine Disziplin allein kann die Vielschichtigkeit extrem rechter Einflussnahmen erfassen. Bei EINMISCHEN kommen Perspektiven aus Grundschul- und Sonderpädagogik, Sozialer Arbeit, Allgemeiner Erziehungswissenschaft, Bildungsforschung und Politikwissenschaft zusammen. Manche von uns forschen zur extremen Rechten, andere zu Diskriminierung und Machtverhältnissen. Gerade diese Verbindung der Perspektiven schärft den Blick für offene Angriffe ebenso wie für die strukturellen Verhältnisse, an die sie anknüpfen.

Wertvoll ist auch der Austausch zwischen den Standorten. Ob parlamentarische Anfragen oder Angriffe auf dem Campus: Vieles, was an einem Standort geschieht, kennen andere auch. Mit der PH Freiburg kommt zudem der Blick aus einem anderen Bundesland hinzu. So erkennen wir Muster statt Einzelfälle und entwickeln gemeinsam Antworten.

René Breiwe: Wer sich gegen bestehende Machtverhältnisse und extrem rechte Einflussnahmen positioniert, gerät leicht unter Druck. Dann kann es helfen, auf Erfahrungen von Kolleg*innen anderer Standorte zurückzugreifen. Außerdem entstehen Kontakte, die Kooperationen ermöglichen und Solidarität stärken können.

Das hybride Format soll die Reihe zudem über die Hochschulen hinaus öffnen und ermöglicht grundsätzlich auch Lehrkräften, Sozialarbeitenden und politischen Bildner*innen die Teilnahme. Diesen Austausch zwischen Wissenschaft und sogenannter Praxis wollen wir weiter ausbauen. Mit EINMISCHEN wollen wir Erkenntnisse aus der Forschung nicht nur untereinander diskutieren, sondern sie auch teilen. Wir laden Menschen, die in pädagogischen Berufen arbeiten, ein, ihre Erfahrungen und gegebenenfalls auch Sorgen aus dem Berufsalltag einzubringen. 

Was kann die Reihe in diesem Wintersemester leisten?

Florian Monstadt: Die Reihe bietet die Möglichkeit, aktuelle Entwicklungen fundiert einzuordnen, ohne Vorkenntnisse und niedrigschwellig online. Dabei geht es nicht nur um offen extrem rechte Akteur*innen, sondern auch um gesellschaftliche Verschiebungen: um die Normalisierung von Ideologien, die Menschen oder gesellschaftliche Gruppen nicht als gleichwertig ansehen, das Infragestellen gemeinschaftlichen, unterstützenden oder zivilgesellschaftlichen Handelns und die Aushöhlung menschenrechtlicher Orientierungen. Das betrifft nicht nur Schule oder Soziale Arbeit, sondern viele Menschen auch in Familie, Nachbarschaft, Verein oder Beruf.

Welche Themen haben Sie geplant?

René Breiwe: In diesem Wintersemester rücken zunächst Institutionen in den Fokus: Wilhelm Heitmeyer hat mit dem Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ die Forschung zu Rechtsextremismus maßgeblich geprägt. Bei uns analysiert er den autoritären Nationalradikalismus der AfD, der über die Destabilisierung von Institutionen auf einen Systemwechsel zielt. 

Der in Wuppertal promovierte Bildungssoziologe Dirk Michel-Schertges (Aarhus) fragt, für wen die „Freiheit“ autoritärer Deinstitutionalisierung gilt. Beide Vorträge finden im Rahmen des Kolloquiums von Prof. Dr. Fabian Kessl vom Institut für Erziehungswissenschaft hier in Wuppertal statt.

Die Kölner Medienkünstlerin Marie Köhler, die sich mit dem „weißen Held*innenkomplex“ und deutscher Kolonialgeschichte befasst, bringt eine künstlerische Perspektive ein: Ihr Thema ist die Macht von Bildern und Sprache aus Sicht kritischen Weißseins.

Max Ahrens und Maik Lüdemann von der Nashorn Filmhaus KG präsentieren und diskutieren ihren Film „Kein Land für Niemand“ als Perspektivierung der politischen Migrationsdebatte zwischen Abschottung und Rassismus.

Zudem erfolgen Einblicke in das Forschungsprojekt ForDiSens (Universität Jena), das sich mit der Konzeption und Analyse von Lehrkräftefortbildungen zur Stärkung von Diversitätssensibilität und Antidiskriminierung beschäftigt. 

Aus der Veranstaltungsreihe ist inzwischen auch der Sammelband „Einmischen gegen Rechts. Extrem rechte Interventionen als Herausforderung für Bildung“ entstanden. Welche Inhalte sind darin eingeflossen? 

Florian Monstadt: Wir haben für den Sammelband Vortragende aus den ersten beiden Veranstaltungsreihen angefragt und freuen uns sehr, dass wir so unterschiedliche, aber gleichsam spannende Beiträge gewinnen konnten. Die Einflussnahmen extrem rechter Akteur*innen sind vielschichtig und sehr komplex. Auch wenn es, wie in der Einleitung dargestellt, gezielte strategische Bemühungen gibt, wäre es unterkomplex anzunehmen, dass alle Interventionen aus dem extrem rechten Lager zentral gesteuert sind. Vieles wirkt über Normalisierung und eingespielte Strukturen. 

In den unterschiedlichen Beiträgen im Band wird daher gut veranschaulicht, wie vielschichtig die Herausforderung für den Bereich der Bildung und unsere demokratische Gesellschaft insgesamt ist. Die Beiträge reichen daher von der Analyse rechter Desinformationen im digitalen, über Verschwörungsideologien im sozialen Raum, bis hin zu Neutralitätsforderungen und Ansatzpunkten innerhalb der Sozialen Arbeit. Besonders spannend ist außerdem auch der Beitrag aus Ungarn, in dem anhand des ungarischen Falls die Auswirkung rechtspopulistischer Regierungstätigkeit in diesem Feld analysiert wird – ein aktueller Bezug zu jüngsten Landtagswahlergebnissen liegt leider auf der Hand.

Sie wollen nicht nur über extrem rechte Strategien informieren, sondern auch zum Handeln anregen. Welche Möglichkeiten sehen Sie, die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse in die pädagogische und gesellschaftliche Praxis zu übertragen?

Florian Monstadt: Die Beschreibung und Analyse der Verhältnisse ist gerade als Wissenschaftler*in natürlich der erste logische Schritt. Unserer Meinung nach ist es aber wichtig, dass wir uns nicht darauf beschränken oder sogar zurückziehen. Die Angriffe betreffen uns unmittelbar, auch wenn wir davon im Alltag nicht alle gleichermaßen betroffen sind. Extrem rechte Einschüchterungsversuche, wie sie Kolleg*innen von anderen Hochschulen berichten, sind dabei nur eine besonders präsente Form.

René Breiwe: Mit EINMISCHEN wenden wir uns deshalb nicht nur an Hochschulangehörige, sondern auch an Studierende als künftige Lehrkräfte und Sozialarbeitende, an Fachkräfte und an die interessierte Öffentlichkeit. Neben Vorträgen gibt es Podiumsdiskussionen, die Raum für Fragen und Austausch bieten, und der frei zugängliche Sammelband macht Inhalte über die Termine hinaus verfügbar. Dabei verstehen wir das nicht als Einbahnstraße von der Wissenschaft in die sogenannte Praxis: Erfahrungen aus Schule und Sozialer Arbeit schärfen auch unsere Fragen.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach langfristig in Bildungs-, Erziehungs- und Care-Kontexten verändern?

René Breiwe: Wir verstehen EINMISCHEN nicht als punktuelle Intervention, sondern als strukturelle Anforderung demokratischer Bildungsarbeit, wie es auch im Fazit des Sammelbandes deutlich wird. Extrem rechte Einflussnahmen versuchen gezielt, institutionelle Routinen, professionelle Selbstverständnisse und normative Deutungsrahmen zu verschieben. Notwendig ist daher eine kontinuierliche, kritische Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und Normalisierungsprozessen in Bildung und Gesellschaft, die rechtlich und institutionell abgesichert wird.

Florian Monstadt: Das betrifft etwa die Klarstellung, dass eine klare Positionierung gegen menschen- und demokratiefeindliche Positionen nicht in Konflikt mit einem vermeintlichen Neutralitätsgebot steht, sowie verbindliche Schutzstrukturen für Lehrkräfte, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen und politische Bildner*innen, wenn sie unter Druck geraten.

Es geht um mehr als Schutz vor Angriffen. Wenn extrem rechte Positionen an gewöhnliche Praktiken und Strukturen anknüpfen, müssen sich auch diese verändern, beispielsweise bei Förderentscheidungen und der Finanzierung demokratischer Bildungsstrukturen. Zudem braucht es eine macht- und diskriminierungskritische Professionalisierung, die in Ausbildung, Studium und Fortbildung verankert ist und nicht vom Engagement Einzelner abhängt. Und es braucht Zeit und Räume, in denen Teams ihre eigenen Routinen reflektieren können. So würden Einrichtungen nicht nur auf Angriffe reagieren, sondern selbst weniger Anknüpfungspunkte bieten.

Langfristig braucht es also beides: institutionelle Rückendeckung und den Abbau diskriminierender Strukturen in Schule, Kita, Sozialer Arbeit und Universitäten.

* Die Nutzungsrechte für das Colourbox-Bild obliegen der Bergischen Universität Wuppertal. Es ist nicht für die Veröffentlichung durch Dritte lizensiert.