Grundschule der Zukunft
Prof`in Dr. Juliane Schlesier / Grundschulpädagogische Forschung
Foto: Friederike von Heyden

Ein von Vertrauen und Wertschätzung geprägtes kooperatives Miteinander

Prof. Dr. Juliane Schlesier über das Lehr-Lernprojekt ´Grundschule der Zukunft`

Der erste Platz des Third-Mission-Ehrenamtspreises der Bergischen Universität war nicht die erste Auszeichnung, die Juliane Schlesier für ihr Lehr-Lern-Projekt ´Grundschule der Zukunft` im letzten Jahr erhielt. „Es ist ja ein Projekt, was im sehr Kleinen gestartet ist“, sagt die Professorin, „und dieser Erfolg zeigt uns deutlich, dass da Transferpotential drin liegt.“

Schulen erhalten Unterstützung bei der Schulentwicklung

Schulen erhalten Unterstützung durch die Universität bei der Schulentwicklung. Die Frage, warum Schulen das nicht alleine hinkriegen, stellt sich für die Wissenschaftlerin nicht. „Die Schulen bekommen sehr viel und auch sehr gut hin. Gleichzeitig wachsen aber auch die Anforderungen über den reinen Unterricht hinaus“, erklärt sie. „Schulentwicklung, nachhaltige Gestaltung sowie die Förderung sozialer Teilhabe, das sind alles komplexe, langfristige Prozesse, die natürlich in irgendeiner Form gemeinsam gestaltet werden müssen und vor allem auch empirisch fundiert weiterentwickelt werden.“ Schulen im Alltag seien bereits sehr stark ausgelastet, sodass eine externe Unterstützung auch entlasten und zusätzliche Perspektiven einbringen sowie Entwicklungsprozesse systematisch und wirksam begleiten könne.

Besinnung auf authentische Praxiserfahrung mit dem Wissen von heute

Heute fehlt es der Lehrkräftebildung oft an authentischen Praxiserfahrungen und gelebter Kooperation mit der Gesellschaft, obwohl das alles schon einmal da war. „Das ist im Prinzip ein alter Hut“, sagt die Wissenschaftlerin, „denn die authentische Praxiserfahrung und auch die gesellschaftliche Kooperation waren schon ein zentrales Element in der Lehrkräftebildung früher, insbesondere in der Ausbildung an Pädagogischen Hochschulen für Grundschullehrkräfte. Vor allem auch in der Zeit vor den 1970er Jahren, vor den Reformen, da waren die PHs eben vor allem die Ausbildungsstätte für Grundschullehrkräfte und dort gab es einen sehr engen Praxisbezug.“ Mit den Reformen der 1970er Jahre wurde auch das Grundschullehramt stärker an den Universitäten verankert. Dadurch gewann eine wissenschaftliche und empirische Fundierung pädagogischer Konzepte an Bedeutung und die Ausbildung wurde insgesamt stärker formalisiert und wissenschaftlich ausgerichtet. „Heute gibt es nun wieder eine Besinnung auf das, was es früher schon einmal gab, das kann ich schon beobachten, allerdings mit dem Wissen, was wir aus der starken Akademisierung der Lehrkräftebildung der letzten Jahrzehnte gelernt haben. Wir machen also nicht nur Rückschritte, sondern führen neu- oder weiterentwickelte praxisnahe Konzepte wieder in das überwiegend theoriebezogene Lehramtsstudium ein.“

Projekt ´Grundschule der Zukunft`

In einem Lehr-Lern-Projekt mit dem Titel ´Grundschule der Zukunft`, gefördert durch die Barthel-/EWE-Stiftung, welches auf der demokratiebildenden Lehr-Lernmethode des Lernens durch Engagement basiert, hat Schlesier ca. 150 Lehramtsstudierende und rund 400 Grundschulkinder in Niedersachsen in kleinen, inklusiven sog. ´Held*innen-Teams` zusammengebracht, um gemeinnützige und nachhaltige Projekte für Schulen zu entwickeln und umzusetzen. Voraussetzung war die individuelle Förderung jeder Schule. „In dem Projekt wurden die realen Bedarfe der Schulen vorab ermittelt, die Projekte wurden auch curricular eingebettet, d.h. z. B. in Themen des Sach-, Deutsch-, Kunst- und Mathematikunterrichts.“, erläutert Schlesier die Vorgehensweise. „Die Kinder wurden aktiv an der Planung und Umsetzung beteiligt, sodass diese Projekte nicht im Vorfeld geplant werden konnten. Es wurde individuell an den Schulen ergründet, was gebraucht wird, damit Unterricht gut stattfinden kann, damit die Kinder vielleicht einen schöneren Pausenhof haben, auf dem sie sich auch von den Unterrichtszeiten gut erholen und auch spielen können.“ Die Maßnahmen reichten von der einfachen Aufbereitung alter Sitzbänke bis zur Anpflanzung von Naschobsthecken und Hochbeeten, der Reinigung von Teichen oder den Bau von Insektenhotels. „Es wurden Sinnespfade angelegt und auch Bauwagen angeschafft und umgearbeitet, sodass man darin Spielzeuge unterbringen kann. Wir sind mittlerweile bei ungefähr 70 Projekten, die da entstanden sind und total vielfältig sind.“

Grundschule der Zukunft kommt auch ihm zugute / Erstklässler mit Schultüte
Foto: CC BY-SA 3.0

Ein Miteinander ohne Soziale Medien

Ein wesentlicher Punkt des von 2023 bis 2025 laufenden Projektes war, dass die Menschen wieder ohne digitale Medien miteinander in Kontakt kommen und agieren. Dazu Schlesier: „Tatsächlich ist das ein ganz zentrales Ziel der Methode, Lernen als gemeinschaftliches, reales Handeln zu gestalten und Menschen auch bewusst in direktiven, persönlichen Kontakt zu bringen. Zu Zeiten von Corona wurde sehr stark forciert, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Das war eine Entwicklung, die in der Coronaphase bei den Kindern in einer sehr prägenden Phase ihres Lebens passierte. Nun aber, in diesen Teilprojekten von ´Grundschule der Zukunft` arbeiteten die Kinder, Studierenden, Lehrkräfte und Eltern ohne digitale Medien zusammen, stimmten sich ab, trafen Entscheidungen, lösten Probleme und kamen einfach ins gemeinsame Tun.“ Und diese gemeinsame Interaktion wurde schon nach nur drei bis fünf Tagen der Projektarbeit vor Ort als sehr wertvoll erlebt. „Es entstand ein solch enger Kontakt, dass die Kinder die Studierenden hinterher kaum noch loslassen wollten. Da sind Beziehungen aufgebaut worden, sodass der Projekterfolg nicht nur in Zahlen messbar ist, sondern auch in dem entstandenen Spirit.“ Ganz ohne Digitale Medien kam das Projekt dann doch nicht aus, denn an jeder Schule habe auch eine Gruppe die Dokumentation übernommen, die dann über digitale Medien erfolgte. „Allerdings geschah auch das wieder gemeinsam“, unterstreicht die Projektleiterin und fährt fort, „da sind dann Interviews mit den anderen Beteiligten geführt worden, sodass es dabei auch nicht um das passive Konsummieren von digitalen Medien ging, sondern um das aktive Arbeiten mit digitalen Medien.“

Kultur der gegenseitigen Unterstützung

Das Projekt ´Grundschule der Zukunft` fördert eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung, die sich auf mehreren Ebenen zeigte. „Innerhalb der ´Held*innen-Teams` übernahmen die Kinder und Studierenden Verantwortung füreinander. Sie unterstützten sich bei Planungen, bei der Umsetzung und Problemlösung und brachten unterschiedliche Stärken ein. Hilfe wurde da nicht als Aufwand, sondern als selbstverständlicher Teil der gemeinsamen Arbeit erlebt. Auch die älteren Kinder halfen selbstverständlich den jüngeren Kindern. Die, die nicht so viel Kraft hatten, um zu sägen oder umzugraben, erhielten sofort Unterstützung.“ Weitere Unterstützung entstand auch zwischen den Akteursgruppen. Da die Lehrkräfte ihre Schule für diese neue Projekterfahrung öffneten, war die Universität auf einmal aktiv im Geschehen und gestaltete mit. „Es war ja ein Schulprojekt zu Unterrichtszeiten. Die Lehrkräfte waren als beratende Instanzen dabei, hielten sich aber im Hintergrund auf und haben nur bei Problemen zwischen Studierenden und Schülern vermittelt. Das hat total gut geklappt. Das war ein kooperatives Miteinander, das von Vertrauen und Wertschätzung geprägt war.“

Ein Projekt mit Transferpotential

Ich habe das Projekt zwar an Grundschulen durchführen lassen“, sagt Schlesier, „aber natürlich kann man das auch auf andere Schulformen transferieren. Das Projekt basiert auf der Lernmethode ´Lernen durch Engagement`, die ja vorwiegend im Sekundarstufenbereich schon eingesetzt wird, allerdings etwas anders, als ich das mache, weil das bislang nicht mit der Lehrkräftebildung verbunden wird. Es ist also etwas Besonderes, dass ich mit dem Projekt an die Grundschulen gehe und die Grundschule mit der Lehrkräftebildung verbunden habe. Es zeigt, dass es schon mit den ganz kleinen Schülern geht. Da steckt das Transferpotential drin. Die Universitäten und die Schulen können etwas enger zusammenrücken und verlässliche Kooperationen aufbauen, sodass die Theorie auch in die Praxis diffundieren kann und anders herum die praktischen Ideen und Erfahrungen auch zu den Lehramtsstudierenden kommen.“ Von Seiten der Universität erhält Schlesier große Unterstützung und wird nun das Projekt auch in Wuppertaler Schulen beginnen.

Weiterführende Informationen zum Projekt erhalten interessierte Schulen unter: schlesier[at]uni-wuppertal.de

Uwe Blass

Prof. Dr. Juliane Schlesier leitet den Arbeitsbereich Grundschulpädagogische Forschung am Institut für Bildungsforschung an der Bergischen Universität. Sie forscht zu sozio-emotionalen Schulerfahrungen in der Primarstufe, insbesondere zu Beziehungen, Emotionen, Wohlbefinden und Stress, sowie zur Lehrkräftebildung und Schulentwicklung. In ihren Projekten bearbeitet sie unter anderem Profile des Beziehungserlebens, Interventionsansätze wie „Lernen durch Engagement“ und Übergänge in der Schule.