Krieg in Europa
Prof. Dr. Peter Imbusch
Soziologie der Politik
Foto: UniService Transfer

Wir hatten uns an den Frieden gewöhnt

Der Soziologe Prof. Dr. Peter Imbusch über ein „totales soziales Phänomen“:  Krieg

Herr Imbusch, Sie beschäftigen sich an ihrem Lehrstuhl zur Politischen Soziologie mit der Konflikt- und Gewaltforschung und dabei u.a. mit den möglichen Erklärungsmustern für Makro-Gewalt wie Terrorismus, Genozide und Kriege. Der Ukrainekonflikt schwelt schon seit Jahren, und Diplomaten warnten auch vor einer Eskalation. Warum hat Europa nicht früher reagiert?

Imbusch: Die Wahrnehmung, dass Europa zu spät reagiert habe, bezieht sich ja auf den aktuellen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Es gab durchaus Reaktionen auf die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Osten der Ukraine und auf die Annexion der Krim durch Russland. Erst der aktuelle Krieg hat aber offensichtlich das Fass zum Überlaufen gebracht und im Westen zu einer anderen Lagebeurteilung sowie der Einsicht geführt, dass das bisherige Engagement mit Sanktionen nicht mehr ausreicht. Damit war zugleich eine andere Einstufung des Gefährdungspotenzials Europas durch Russland verbunden. Bei den vergleichsweise niedrigschwelligeren Interventionen Russlands vor dem Ausbruch des aktuellen Konflikts wäre eine heftigere Reaktion des Westens auch völkerrechtlich schwierig gewesen. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass der Westen (also v.a. Westeuropa bzw. die EU und die USA) seit den 2010er Jahren die pro-westlichen politischen Kräfte in der Ukraine immer – teils massiv – unterstützt hat.
 

Eigentlich sollten wir doch aus der Geschichte lernen. Aber Kriege kann man nicht lenken. Gibt es Möglichkeiten, die Gewaltspirale zu stoppen?

Imbusch: Ja, ich glaube, man kann und sollte aus der Geschichte lernen. Die erste und wichtigste Lektion wäre vielleicht die Einsicht, dass Krieg immer Tod, Zerstörung, Leiden, Vernichtung oder Verstümmelung von Menschen und Gütern bedeutet und dieses beträchtliche politische, soziale und ökonomische Folgen hat. Bei den aktuellen Debatten in Deutschland und dem wiederkehrenden Erstaunen, dass in Kriegen Menschen umkommen, sieht man sehr gut, wie sehr wir uns an den Frieden gewöhnt und ihn quasi als das Normale betrachtet haben. Und das, obwohl es über die letzten Jahrzehnte viele Kriege gegeben hat – nur waren die geografisch weiter entfernt und wurden hierzulande von weniger Empathie und Betroffenheit begleitet. Allerdings waren das auch weniger klassische Kriege als Auseinandersetzungen zwischen Staaten, die von bewaffneten Einheiten gegen andere bewaffnete Einheiten geführt wurden, sondern Bürgerkriege. Soziologisch gesprochen ist der Krieg ein „totales soziales Phänomen“ (Émile Durkheim). Trotz aller ‚Zivilisierung‘ von Kriegen durch das Kriegsvölkerrecht ist der Krieg eine Geißel der Menschheit geblieben, die Zivilisationsfortschritte der Menschen sind in dieser Hinsicht bescheiden geblieben, zumindest können sie schnell rückgängig gemacht werden.

Die zweite Lektion ist diejenige, dass Kriege nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern eine Vorgeschichte haben, die erkennbar ist; Kriege sind vermeidbar und nichts Naturwüchsiges, sondern sie werden wegen bestimmter Interessen oder Ideologien geführt, sie bringen Feindbilder hervor und verstärken Bedrohungswahrnehmungen. Auch das sieht man im Ukraine-Konflikt sehr schön, wie wir in überlebt geglaubte Rhetoriken des Kalten Krieges abdriften, wie leicht alte Freund-Feind-Schemata wiederbelebt werden können, wie dichotomisches und manichäisches Denken wieder um sich greift – und wie schnell alte Gewissheiten unter dem Eindruck des Krieges zerbröseln. Das alles geht mit beträchtlichen Wahrnehmungsverzerrungen der jeweils gegnerischen Seite einher, die sich im Kriegsverlauf noch zuspitzt. Wir wissen, wer die ‚Guten‘ und die ‚Bösen‘ sind, obwohl das nicht leicht feststellbar ist und die diesbezüglichen Konturen durchaus unscharf sind. Das Nachdenken über die Frage, auf welcher Seite wir zu stehen haben, mit welchen Zielen der Westen, die Ukraine und Russland jeweils unterwegs sind und was genau zum Angriff Russlands auf die Ukraine geführt hat – also klassische Kriegsursachenforschung –, wird ja durch den Angriffskrieg von Putin und den Opferstatus der Ukrainer sofort konterkariert.

Die dritte Lektion ist die, dass Kriege beispiellose Gewaltpotenziale freisetzen, ihnen kaum kontrollierbare Eskalationsprozesse und Gewaltspiralen inhärent sind und sie nur schwer zu stoppen sind, wenn sie einmal begonnen wurden – insbesondere dann, wenn Krieg wieder als Mittel der Politik betrachtet wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht möglich wäre, den Krieg zu beenden. Schon Georg Simmel hat in seiner Soziologie des Konflikts auf die verschiedenen Wege hingewiesen, wie Kriege beendet werden können. Ob Kriege wirklich beendet werden, hängt jedoch von zahlreichen Faktoren und den Einschätzungen und Kalkülen der Konfliktparteien, den angestrebten Kriegszielen und der Verhandlungsbereitschaft der Kriegsparteien ab. Je länger ein Krieg fortschreitet und je brutaler er geführt wird, desto weniger Aussichten auf Friedensverhandlungen oder eine spätere Versöhnung ist zu erwarten. Und Waffenlieferungen aller Art, wie sie der Westen momentan vornimmt, mag zwar dem an sich hoffnungslos unterlegenen ukrainischen Militär helfen, sich zu verteidigen, aber es verlängert gleichzeitig die Kriegshandlungen und das damit verbundene Leid. Mit fortschreitender Dauer des Krieges und den massiven Waffenlieferungen des Westens verändern sich allerdings auch die Kriegswahrnehmungen und die Kriegsziele der beteiligten Parteien und es weicht beizeiten auch der Realismus in Bezug auf die Möglichkeiten, sodass sich Kriege auch deshalb unnötig verlängern können.
 

Alle reden ständig vom Frieden, aber Gewalt und „kleine Kriege“ erleben wir jeden Tag. Ist der Mensch vielleicht nicht für den Frieden gemacht?

Imbusch: Das würde ich nicht so sagen. Menschen sind zwar nicht von Natur aus gleich friedfertige Wesen, aber wenn Gewalt stattfindet, dann hat das in der Regel spezifische Ursachen, die recht zuverlässig erforscht sind. Allerdings hat der bisherige Zivilisationsprozess, den Norbert Elias in seinem Hauptwerk eindrucksvoll beschrieben hat, auch nicht dazu geführt, dass keine Gewalt mehr in der Gesellschaft stattfindet. Überhaupt scheint mir die Firniss der Zivilisation dünn zu sein und ich glaube, dass unter bestimmten Bedingungen jeder Mensch gewalttätig sein bzw. werden könnte. Gewalt kann nur dann weitgehend vermieden werden, wenn die politischen, soziokulturellen, ökonomischen und institutionellen Konstellationen einer Gesellschaft so beschaffen sind, dass Gewalt eingehegt und nicht belohnt wird. Im Gegensatz zu diesen Formen der Mikro-Gewalt handelt es sich bei Kriegen jedoch um Formen der Makro-Gewalt, die ganz andere Charakteristika und Funktionsprinzipien aufweisen. Die Soziologie hat ja das Thema Krieg weitgehend vernachlässigt und den „Traum von der gewaltfreien Moderne“ (Hans Joas) geträumt, also sich der Vorstellung hingegeben, dass es Modernisierung und Zivilisierung schon richten werden und die Gewalt überflüssig machen. Das ist bekanntlich eine Mär und nicht geschehen – besonders, wenn man an die kriegerischen Formen der Gewalt denkt. Sicher ist aber wohl auch, dass der Mensch nicht zum Krieg führen gemacht ist. Denn für das Töten im Krieg muss die natürliche Hemmung zum Umbringen anderer Menschen erst einmal überwunden werden, was nicht sehr einfach ist. Dazu dienen ja nun zum einen spezielle Institutionen wie das Militär, zum anderen braucht es – je nach Situation – noch weitere ideologische Einsprengsel, um aus Menschen Gegner und aus Gegnern Feinde zu machen, die man dann aus welchen Gründen auch immer umzubringen bereit ist.
 

Wladimir Putin gilt spätestens seit dem 24. Februar als das Böse schlechthin. Kann man mit so einem Menschen überhaupt noch verhandeln?

Imbusch: Das wird man wohl oder übel müssen, wenn Putin nicht zuvor ein anderes Schicksal ereilt. Und ob es nach Putin besser würde, lässt sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber für Friedensverhandlungen oder die Erreichung eines Waffenstillstandes wäre eine ideologische Abrüstung auf jeden Fall vorteilhaft und wünschenswert. Als Soziologe steht man ja Dämonisierungen oder Pathologisierungen von Politikern, die vorzugsweise bei Autokraten oder Diktatoren vorgenommen werden, von Haus aus skeptisch gegenüber, weil sie eigentlich nichts erklären, sondern gerade stigmatisieren und abwerten sollen. Sie sollen die gegnerische Person groß erscheinen lassen und Widerstand gegen ihn und seine Machenschaften erzeugen und legitimieren. Sie gehören zum festen Repertoire des ideologischen Instrumentenkoffers in Konfliktsituationen. Das sind Attributionen, mit denen man in der Regel nicht weit kommt. Eine nüchterne Analyse der Person Putins, wie sie jüngst etwa Helmut König vorgelegt hat, ist da schon weiterführender. Da trifft man auf der einen Seite auf einen notorischen Lügner, der Freude an der Irreführung und Verwirrung anderer Politiker und an der Destabilisierung des Westens hat, der politisch vor nichts zurückschreckt und politische Gegner auch andernorts umbringen lässt oder es zumindest versucht. Da trifft man auf der anderen Seite aber auch auf einen kühlen und rationalen Machtpolitiker, der durch politische Umstände und Erfahrungen auf bestimmte Strategien der Macht setzt, um geostrategisch Einflusssphären zu sichern, und auf dessen Wort manchmal sogar Verlass ist (z.B. in Bezug auf die Konsequenzen der Osterweiterung der NATO und bezüglich der Erweiterung der EU nach Osten). Putin ist ja in der Vergangenheit auch nicht immer das personifizierte Böse gewesen, sondern er war einst ein Kooperationspartner des Westens, er war Teil der Gipfeltreffen, man wollte Europa ja durchaus mit ihm und nicht gegen ihn gestalten. Ideologische Abrüstung ist auch deshalb vonnöten, weil man sich ja nach dem Ende des Krieges – wie immer er ausgeht – irgendwie mit Putin, auf jeden Fall mit Russland wird arrangieren müssen, und das wird man nicht erfolgreich in waffenstarrender Feindschaft tun können, sondern am besten in einer Art vertrauensvoller Kooperationsbeziehung. Wie die jedoch nach dem Ukraine-Krieg noch aussehen kann, ist gegenwärtig sehr fragwürdig.
 

Damit es in der Ukraine wieder Frieden geben kann, müsste der Aggressor sein Gesicht wahren können, um wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden. Wie kann so etwas gehen?

Imbusch: Das wird erheblich vom Verlauf des Krieges und seinen Geschehnissen abhängen. Wenn die von ukrainischer und westlicher Seite erhobenen Vorwürfe an Russland stimmen, dürfte das schwer werden. Das Führen von Angriffskriegen ist völkerrechtlich verboten; der Einsatz von bestimmten Munitionstypen geächtet; Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind indiskutabel; das Begehen von Kriegsverbrechen geht weit über normale Kriegsgewalt hinaus. Kriege bestehen aber nicht nur aus manifesten Kampfhandlungen und hybrider Kriegführung, sondern Kriege sind immer auch Informations- und Propagandakriege. Es sind häufig die Bilder des Krieges oder besser der Krieg der Bilder, der Kriege mitentscheidet. Deshalb geht es in Kriegen immer auch um die Deutungshoheit der Ereignisse. Insofern wird man abwarten müssen, bis sich der Nebel des Krieges gelichtet hat, um zu sehen, was wirklich wo geschehen ist und wie schwerwiegend die Angriffe wirklich waren. Sein Gesicht wird Putin wahrscheinlich nur wahren bzw. retten können, wenn er relativ zügig die Kriegshandlungen einstellt, die bisher eroberten Gebiete in der Ostukraine verlässt und die annektierte Krim wieder an die Ukraine gibt. Das ist aber ein höchst unwahrscheinlicher Fall. Selbst westliche Militärexperten gehen davon aus, dass es auch im günstigsten Fall in gewisser Hinsicht ‚territoriale Kompromisse‘ seitens der Ukraine geben wird. Das scheint mir angesichts der komplizierten Identitätsfragen in Teilen der Ukraine auch wahrscheinlich zu sein. Ob Putin überhaupt etwas daran liegt, wieder in die ‚internationale Staatengemeinschaft‘ aufgenommen zu werden, ist noch eine andere Frage. Zum einen hat die internationale Staatengemeinschaft schon andere Autokraten verdaut, zum anderen darf man auch nicht übersehen, dass Putins Krieg eigentlich nur im Westen so großen Widerstand hervorruft, wohingegen für die meisten Staaten des Globalen Südens die Ukraine reichlich weit weg ist und gute wirtschaftliche Beziehungen zu Russland viel wichtiger sind. Für die Ukraine wird es hingegen wohl nur einen fragilen Frieden geben.
 

Kann es nach einem so kriegerischen Akt überhaupt noch eine verständliche Gerechtigkeit geben?

Imbusch: Was kann nach einem Angriffskrieg schon Gerechtigkeit bedeuten? Da der Angriff selber völkerrechtswidrig war und von der Wiederherstellung alter und verlorener Größe oder der Sicherung von Einflusssphären motiviert war, stellt sich die Frage, was in dieser Situation überhaupt als gerecht angesehen werden könnte. Frieden setzt auf jeden Fall eine faire Lösung des Konflikts voraus, die auch begangenes Unrecht anerkennen müsste. Gerechtigkeit würde zudem eine Art Wiedergutmachung voraussetzen, die man Kleinarbeiten müsste: Das könnte Entschädigungen, Reparationen, Wiederaufbauhilfen, die Anerkennung von Schuld oder um Verzeihung bitten und Verzeihung gewähren heißen. Das ist in Anbetracht der aktuellen Lage momentan ziemlich unvorstellbar. Die vielen Toten werden durch Gerechtigkeit nicht wieder lebendig; vielleicht ist ein Teil von ihnen für eine gerechte Sache – wenn man davon in Bezug auf die Schrecken des Krieges überhaupt sprechen will – gestorben. Die Sühnung von möglichen Kriegsverbrechen wäre sicherlich ein wichtiger Schritt zur Herstellung von Gerechtigkeit; die Sanktionierung der Verantwortlichen für diesen Krieg ebenso. In der internationalen Politik und den internationalen Beziehungen geht es ja weniger um Moral, als um Interessen, um Einfluss und um Sicherheit. Die Erfahrungen des Jugoslawien-Konfliktes in den 1990er Jahren zeigen ja mustergültig den schwierigen Umgang mit Gerechtigkeitsfragen.

Uwe Blass

Prof. Dr. Peter Imbusch studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Volkswirtschaftslehre und promovierte zur Sozialstrukturanalyse Lateinamerikas. Er habilitierte sich 2001 mit einer Arbeit über „Moderne und Gewalt“. Seit 2011 lehrt er als Professor für Politische Soziologie an der Bergischen Universität.

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